Gehängter (Tarot)

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Keyword: Gehängter, der, der gehängte Mann

Links: Kopf, Kreuz, Krise, Opfer, Regression, Initiation, Tarot, Tod, Unbewusstes, Unten, Wandlung ,Wiedergeburt

Definition: Zwölfte Karte der Großen Arkana des Tarot. (auch: "Gehängter", "Der Aufgehängte")

Information: Bemerkenswerterweise und für einige Aspekte dieses Bildes zutreffend hat die indo-germanische Wurzel von "hängen" die übertragene Bedeutung "schwanken, unsicher sein/lassen" und führt z. B. zu lat. cunctari "zögern, schwanken, zweifeln" und altindisch sankate "zweifelt, befürchtet, ist vorsichtig, misstrauisch, sorgt sich".

Das Marseille-Tort-Deck zeigt einen Mann, der mit einer Schlinge um den linken Fußknöchel an einem waagerechten Balken hängt, welcher über Astgabeln von zwei gestutzten Bäumen liegt. Zwischen den Bäumen muss eine Grube oder eine Erdspalte sein, denn der Kopf des hängenden Mannes reicht tief in ihren Wurzelbereich, ohne jedoch mit dem Erdboden in Kontakt zu kommen. Hände und Arme sind hinter dem Rücken verschränkt, das rechte Bein hinter dem linken mit 90 Grad angewinkelt, eine Körperhaltung von auf dem Rücken Schlafenden. Wird die Karte auf den "Kopf" gestellt, wirkt der Hängende wie ein Tänzer oder könnte sich in der Yogastellung "Der Baum" befinden. Würden die jeweils 6 Aststümpfe beider Bäume verbunden, entstünde - zusammen mit dem waagerechten Balken - die 7-stufige Jakobsleiter. Die meisten Tarot-Decks zeigen bei dieser Karte sehr ähnliche Bilder.

Interpretation: Es wird angenommen, dass die Karte ursprünglich Judas darstellte, der umgekehrt aufgehängt ist und den Beutel voller Silber hält. Dies entspricht der traditionellen Strafe für Verräter. So trug die Karte alter italienischer Decks den Titel "II Traditore" ("Der Verräter").

Im Mittelalter wurden feige oder ungetreue Ritter an den Fersen aufgehängt, was nicht zum Tode führte, aber Zeichen der Schmähung, des Tadels und des öffentlichen lächerlich Machens war. Im 18. und 19. Jh. traten für die Interpreten des Tarot eher Aspekte in den Vordergrund, die eine Verbindung zu den antiken Mythen herstellen, in welchen Gottheiten in Bäumen hängen und wieder auferstehen: Osiris hing 3 Tage lang in einem Baum, bis er reif für die Zerstückelung war. Wodan/Odin (skaldisch "Hangangu "- Hängegott) hing 9 Tage und Nächte kopfüber im Weltenbaum und erlangte so Weisheit bzw. Kenntnis der Runen.

In jüdischen mittelalterlichen Schriften wird Christus als "Der Gehängte" bezeichnet. Parzival stieß beim umher irren im Wald auf einen kopfabwärts im Baum hängenden Ritter. In einem mittelalterlichen Schwank rühmt sich der Gehängte, dass ihm schwebend am Baum, der Lauf der Sterne um den Pol und die Natur aller Dinge, der Pflanzen, Tiere, Steine, und Elemente kundgeworden sei. Auch bei den Roma und Sinti wird von einem Geiger erwartet, dass er kopfüber immer in einem Baum hängend sein Instrument spiele. Das Motiv des "Kopf-unter" taucht in der bildenden Kunst seit der Antike bis heute auf.

Die blutroten Aststümpfe der gestutzten Bäume (Marseille-Deck) geben einen Hinweis auf das Motiv des Opfers und der Zerstückelung, welches in diesem Arkanum enthalten ist, und auf den archetypischen Hintergrund der Initiation verweist. Dabei handelt es sich um die Initiation in eine neue Dimension des Verstehens.

Der Apostel Petrus bat darum, umgekehrt gekreuzigt zu werden als Zeichen seiner Demut. Eine Erkenntnis, wofür die früheren, "kopfbetonten" Formen des Verstehens geopfert werden müssen. Da in dieser Körperhaltung die Integration von linker und rechter Gehirnhälfte stimuliert wird, haben die neuen Einsichten eine ganzheitlichere Qualität - in psychologischer Hinsicht durch Integration aller Ich-Funktionen und Ausgleich zwischen Extra- und Introversion sowie den lebendigen Austausch von Bewusstsein und Unbewusstem (die Positionen sind vertauscht: Der Kopf ragt in die Tiefe). Durch äußere Unbeweglichkeit wird sich der Hängende des inneren Prozesses, der inneren Bewegung und Tätigkeit bewusst; durch Er-Innerung eröffnet sich dem Hängenden der Zugang zur Innenwelt und einer neuen Qualität der Zeit, die sich von dem rein quantitativen Verstreichen der äußeren Zeit unterscheidet. Nach esoterischem Verständnis symbolisiert die 12. Karte des Tarots die hermetische Einweihung in den echten Glauben durch aktive Umkehr und ist damit eine Fortführung der 10. Karte, indem sich durch das Schicksalshafte das bisherige Bewusstsein "umgekehrt" hat. Vgl. die Aufforderungen in der Bibel nach "Umkehr" etwa: "Wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen." (Mt. 18, 3) Die Anordnung der Karte greift den Konflikt auf zwischen der Gravitation "dieser Welt" (des fleischlichen Menschen) und der Gravitation des "Himmels". Der Aufgehängte befindet sich im Einflussbereich der himmlischen Gravitation, diese hat die irdische Gravitation ersetzt; er symbolisiert daher den spirituellen Menschen (im Unterschied zum "seelischen Menschen", der im Gleichgewicht beider Gravitationsfelder lebt). Sein Zustand ist zugleich Martyrium und Wohltat. Sein Wille wechselt das Zentrum seiner Anziehungskraft: von "mein Wille" zu "Dein Wille"; die Umgestaltung geschieht durch Liebe und mündet in die Haltung des Gehorsams; etwa wie Abraham durch Glauben gehorchte, als der Ruf an ihn erging: er wanderte aus, ohne zu wissen, wohin er ging; sein Kopf folgte seinen Füßen, diese waren "oben" und der Kopf gehorchte ihnen. Ebenso hat der Hängende Verbindung zu Petrus dem Fels der keine Eigenbewegung hat, nur bewegtes Objekt sein kann, die Willkür ausgeschaltet, wodurch die Unfehlbarkeit des Urteils des Gläubigen geschützt ist.

Die esoterische Bedeutung des 12. Arkanums ist die des echten Glaubens; nur dieser besitzt absolute Gewissheit, im Unterschied zur Erkenntnis aufgrund der Logik, die nur zu relativer Gewissheit führen kann."Umgekehrt" bedeutet also: Der "feste", er ist der ewige Hiob, der Geprüfte von Jahrhundert zu Jahrhundert, sein Schicksal das wahrhaft menschliche Schicksal des Gläubigen.

Der Hängende Boden unter den Füßen befindet sich oben; der Wille ist mit dem Himmel verbunden und befindet sich in unmittelbarem Kontakt mit der geistigen Welt. Der spirituelle Mensch ist der "Zukunftsmensch", weil die Zielursache (causa finalis) das Element ist, das seinen Willen aktiviert; sein Wille ist über den Fähigkeiten seines Kopfes, seines Denkens, seiner Vorstellungskraft und des Gedächtnisses. So war Abrahams Wille begeistert durch das Zukünftige bei seiner Wüstendurchquerung, obgleich sein Verstand noch nichts davon wusste.

Die Festigkeit des Wissens/Glaubens des Hängenden ist im Himmel verankert, in der Ordnung, die "nicht von dieser Welt" ist; sie führt zu einem unzerstörbarem Fundament - was sich in der Zahl 4 abbildet, die die Beine des Hängenden bilden, wenn die Karte "auf die Füße" gestellt wird. Dadurch kommt zum Ausdruck, dass durch die Regression des Bewusstseins zu den Wurzeln des Seins Ganzheit, Orientierungssinn und Festigkeit im Unbewussten wirksam werden. Der Zahlwert der Karte symbolisiert als 3x4 die Verbindung der Dreieinigkeit des Geistes mit der vierfaltigen Wirklichkeit der Erde.

Literatur: Standard

Autor: Rafalski, Monika

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