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+Keyword: Calcinatio

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Definition: Die Calcinatio ist eine alchemistische Operation (Alchemie, Opus magnum), um bei Metallen bzw. Stoffen durch starkes Erhitzen oder ätzende Substanzen verunreinigende Bestandteile auszutreiben. Zurück bleibt Asche oder ein Pulver wie z. B. Kalk.

Information: Der Calcinatio wird das Element Feuer zugeordnet. In einer alchemistischen Abbildung wird die Reinigung von Gold durch Antimon bildhaft dargestellt: Der Wolf (Antimon) frisst den König, der Gold symbolisiert, um danach diesen durch die Calcinatio in gereinigter Form wieder auferstehen zu lassen.

Interpretation: Die Calcinatio macht das Schwarze (Nigredo), dargestellt z. B. durch Exkremente oder den Äthiopier, weiß (Albedo). Die weiße Asche als das Endresultat der Calcinatio bedeutet Verzweifelung, Trauer oder Buße, aber auch "der unverwesliche‚ verherrlichte Leib", sie heißt deshalb "Diadem des Herzens". Asche ist mit Salz identisch, welches gleichermaßen Bitterkeit wie Weisheit beinhaltet. Mit der Calcinatio wird die läuternde Wirkung des Fegfeuers verbunden, das Gefeitsein gegen das Feuer wie in der biblischen Geschichte von Nebukadnezar und den drei Männern im Feuerofen, und das Erlangen von Unsterblichkeit wie im Mythos von Demeter. Irdisches Feuer wird so zum ätherischen Feuer des göttlichen Logos bzw. Hl. Geistes.

Tiefenpsychologisch repräsentiert die Calcinatio einen reinigenden Wandlungsprozess des Ichs bzw. herrschenden Bewusstseinsprinzips, welches aus dem Feuer der eigenen Affekte erneuert hervorgeht. Oft erzwingen emotionale Frustrationen eine solche Läuterung von Schattenseiten. In der Therapie führt dies zur Befreiung der emotionalen Komplexe von ihrer unbewussten Kontaminierung durch Bewusstmachung und Rücknahme der Projektionen. Die zunehmende Fähigkeit, egozentrische Bedürfnisse aufzugeben und sich auf den transpersonalen Aspekt des Daseins bzw. das Selbst zu beziehen, führt zu einer gewissen Gefeitheit bzw. Autonomie gegenüber Affekten.

Literatur: Standard, Edinger (1990)

Autor: Krapp, Manfred

+Keyword: Chakra

Links: Alchemie Einheit Energie Ganzheit Individuation Schlange Selbst

Definition: Mit Chakra, Plural Chakren, (Sanskrit, cakra, "Rad", "Diskus", "Kreis") werden im tantrischen Hinduismus, im tantrisch-buddhistischen Vajrayana, im Yoga sowie in einigen esoterischen Lehren Energiezentren bezeichnet, die durch Energiekanäle verbunden sind.

Information: Nach der Lehre des Kundalini Yoga hat der Mensch einen feinstofflichen Körper, der den physischen Körper durchdringt und umschließt. Durch diesen feinstofflichen Körper fließt Lebensenergie. Diese Energie wird symbolisch dargestellt als eine Schlange, die "Kundalini", die am unteren Ende der Wirbelsäule zusammengerollt liegt und schläft. (Kundalini heißt die "Zusammengerollte").

Auf dem Meditationsweg geht es nun darum, die Kundalini zu wecken und die Lebensenergie zum Fließen zu bringen. Dieser Energiefluss hat nach indischer Vorstellung einen Hauptkanal, der entlang der Wirbelsäule verläuft. Wenn nun durch diesen Kanal Energie aufsteigt, dann verteilt sie sich in den Körper, vom Wurzelchakra aus über die einzelnen Chakren bis hin zum Kronenchakra. Bildlich gesprochen verläuft dieser Energiestrom von der "Erde" zum "Himmel".

Die sieben Hauptchakren werden unten am Ende der Wirbelsäule, im Unterbauch, im Sonnengeflecht, in der Herzgegend, im Hals, in der Stirn und oben im Scheitel lokalisert.

Das Modell der Chakren ist sehr alt. Es ist besonders in Indien bewahrt und ausgeformt worden. Auch in anderen Kulturen wurden ähnliche Erfahrungen gemacht und beschrieben."Die Chakren trifft man nicht nur in der Yogalehre an, sondern man begegnet ähnlichen Vorstellungen auch in altdeutschen, alchemistischen Werken, die sicher ohne Yogakenntnisse entstanden sind". (Jung, GW 18/1, 17)

Ein Beispiel hierfür ist die "Chymische Hochzeit" von Valentin Andrae. Aber auch in anderen westlichen Texten, z. B. in einigen Märchen kann man ähnliche Darstellungen erkennen. Auch in der Bibel gibt es Texte, die von der Chakrenerfahrung her gedeutet werden können.

Jung bezeichnet die Chakren als ein "äußerst präzise durchgearbeitetes System psychischer Schichten", als "Lokalisierung des Bewusstseins vom Perineum bis zum Kopf" (Jung, GW 18/1, §17), oder als "blumenartige Zentren der verschiedene Sitze des Bewusstseins" Jung, GW 18/1, §133).

Interpretation: Wenn Jung nach den Bedeutungsinhalten der einzelnen Chakren fragt, dann übernimmt er nicht die Deutungen indischer Kommentare, sondern er deutet von seinen eigenen westlichen Wurzeln her. Darauf legt Jung großen Wert. Er schreibt: "Wenn wir nicht versuchen, die Symbole des Tantra Yoga unserem westlichen Geist zugänglich zu machen, sie zu verarbeiten, bleiben sie Fremdkörper in unserem System und verhindern das natürliche Wachstum. Es entsteht dann ein Wachstum aus zweiter Hand oder sogar eine Vergiftung" (Jung, 1998, S. 72).

Wesentlicher als das Deuten und Verstehen der Chakrensymbole ist jedoch das Begehen des Weges, den die Chakrensymbole vorzeichnen. Denn Chakrensymbole sind Symbole eines Weges oder Prozesses, nämlich des Individuationsprozesses. Sie wollen deshalb nicht nur betrachtet oder meditiert, sondern gelebt werden, er soll als der andere Pol der konkreten Lebenserfahrung genommen werden.

Die einzelnen Chakren werden heute meist folgendermaßen interpretiert: Muladhara, das unterste Chakra, repräsentiert die Erde und Materie. Hier liegt die Urenergie, die Lebenskraft, die Libido, hier sind die Grundbedürfnisse des Lebens und Überlebens angesiedelt; es ist das Bewußtseinsniveau des unreflektierten, automatischen, alltäglichen Lebens. Aus diesem Zustand gilt es nun, die Kundalini-Energie-Schlange zu wecken und zu höherer Bewußtheit aufzusteigen. Das zweite Chakra, Svadhisthana, befindet sich auf der Höhe der Genitalien und ist deshalb hauptsächlich mit der Sexualität und entsprechenden Triebregungen und Fantasien verbunden. Insofern im sexuellen Trieb auch letzte Sehnsüchte nach Vereinigung mit dem Gegengeschlechtlichen und dem Transpersonalen enthalten sind, beginnt hier die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, wenn auch noch auf einer ganz elementaren und triebhaften Ebene. Im dritten Chakra, Manipura, das der Bauchregion und dem Sonnengeflecht zugeordnet ist, sind orale Bedürfnisse und Affekte lokalisiert (Haben, Besitzen, Macht, Gier, Wut). Das vierte Chakra, Anahata, nimmt eine Mittelstellung zwischen oben und unten ein. Es ist der Ort, in dem sich das Göttliche, das Selbst, in Gestalt von Licht und Liebe offenbart. Im "profaneren" Bereich steht es für Einfühlung, Mitgefühl und Zuneigung. Das fünfte (Kehlkopf-) Chakra, Visuddha, repräsentiert die Welt der Gedanken, der Sprache, der Kommunikation und das sechste, Ajna, höhere psychische Fähigkeiten und veränderte, geistige Bewußtseinszustände (Stirn, zwischen den Augenbrauen, das "dritte Auge"). Sahasrara, das siebte Chakra schließlich, das im Gehirn oder auf dem Scheitel angesiedelt wird, ist mit höchsten Erleuchtungszuständen und transzendenten Erfahrungen verbunden.

C. G. Jung hat davon abweichend eine etwas andere Interpretation gegeben, die hier etwas ausführlicher dargestellt werden soll.

Muladhara – Wurzelchakra

Muladhara (mula = Wurzel, adhara = Zentrum:Wurzelzentrum) ist der Sitz der Kundalini. Im Muladhara ist alle Energie enthalten, aber noch nicht entfaltet.

Element des Wurzelchakras ist die Erde. Für Jung ist das Wurzelchakra die Welt des Alltags-Bewußtseins, in der alles Unbewußte noch schläft. Muladhara ist die Ausgangsbasis des Individuationsweges: "Muladhara ist der ganz gewöhnliche Alltag, die Realität, in der wir leben, unsere tägliche reale Existenz, unser gewöhnliches Leben [...] ein höchst banaler Ort ist - ein Bahnhof, ein Theater, die Familie, der Beruf -, hier schlafen die Götter, hier sind wir vernünftig oder auch so unvernünftig, wie unbewußte Tiere sind; hier ist Muladhara. (Jung, 1998, S. 73)

Svadhisthana – Polaritätschakra

Svadhisthana (sva = das, was zu uns gehört, sthan = der Wohnplatz: der eigene Wohnplatz) symbolisiert das, was auch noch zu uns gehört - nämlich der Bereich des Unbewussten. Zur Welt des Bewusstseins kommt jetzt die Welt des Unbewussten hinzu. Jung ist der Auffassung, dass das zweite Zentrum alle Kennzeichen des Unbewussten trage. Der Weg aus Muladhara hinaus führe ins Unbewusste hinein. Da das Das Unbewusste sich aber komplementär zur bewussten Einstellung verhält, entsteht jetzt eine Polarität zwischen der bewussten und unbewussten Einstellung entsteht.

Wenn Muladhara verlassen und Svadhisthana erreicht würde, so erhielten die Mächte, auf die man sich bisher gestützt habe, ein ganz anderes Gewicht. Was in der bewussten Welt trug, könnte, wenn das Neue, das Unbewusste, betreten wird, zum schlimmsten Feinde werden.

Das Element des Polaritätschakras ist das Wasser.

Manipura – Sonnengeflechtschakra

Das Element des Sonnengeflechtschakras, des Manipura (mani = Juwelen, pura= Stadt: Juwelenstadt) ist das Feuer."Im Manipura brechen alle emotionalen Teufel los. Nach der Taufe kommen wir direkt in die Hölle. Die Hölle ist die Juwelenstadt - ein schreckliches Paradoxon! Aber was ist der Mensch, der nicht im Feuer steht? Wo kein Feuer ist, da ist auch kein Licht. Es ist schmerzhaft, es brennt, es ist sogar Zeitverlust - aber es ist auch ein Quell der Kraft" (Fierz-Wolf, 1932, S. 121)

"Wenn man im Manipura ist, hat man keinen Konflikt, sondern man ist der Konflikt selber. Man kann in zehntausend Stücke zerspringen, aber man ist dabei eins mit sich selber. Denn es gibt keinen Standort außerhalb, von dem aus man urteilen könnte. Es gibt nichts zwischen den beiden Gegensätzen, denn du bist alles. Du bist auch die beiden Gegensätze. Du bist dies und das, wenn du emotional bist" (Jung, GW 13 § 337)

Zum Manipura meint Jung weiterhin: "Das Feuer des Manipura hat heilende Wirkung, denn Dinge, die getrennt und gegensätzlich waren, werden zusammengeschweisst. Es ist ein Schmelzfeuer, ähnlich wie der alchemistische Topf, in dem die Substanzen gemischt und zusammengeschmolzen werden" (Jung, Visions Seminars, 1976, S. 420).

Das ist die eigentliche Bedeutung des Manipura-Chakras: Das Getrennte wird vereint. Es ereignet sich eine Coniunctio oppositorum - eine Vereinigung der Gegensätze.

Anahata – Herzchakra

Das Element des Herzchakras, des Anahata (an-ahata =un-geschlagen), ist die Luft. Jung beschreibt den Unterschied zwischen Manipura und Anahata folgendermassen: "Im Manipura hat man eine rein emotionale Psychologie – ohne jede Objektivität. Man hat keine Verfügungsgewalt über die eigenen Emotionen man ist Emotion. Im Anahata dagegen kann man sagen: Ich habe schlechte Laune. Im Manipura ist man schlechte Laune, und so sehr schlechter Laune, dass man es nicht einmal zugeben kann [...] Ein Mensch im Anahata dagegen kann sagen: Beim Jupiter - du hast recht! Das zeigt den höheren Zustand, und das ist der Unterschied zwischen Manipura und Anahata. (Jung, Visions Seminars, 1976, S. 406).

Jung meint weiter: "Aus dem glühenden Zentrum der Leidenschaften und der Emotionen im Solarplexus kann etwas aufsteigen in den Luftbereich, in das Bewusstsein. Es ist ein Keim eines höheren Bewusstseins, das ursprünglich im Feuer beheimatet war, dann aber luftförmig wurde" (Jung, Visions Seminars, 1976, S. 143). Anahata ist ein Zustand über dem Talgewitter, der in der Alchemie der "Albedo" entspricht."Es ist ein Zustand, in dem wir die Projektionen zurückgenommen haben und die Emotionen, von denen wir vorher gebeutelt worden sind, von einer höheren Warte aus betrachten – "au dessus de la melee". Das Gewitter tobt zwar noch weiter, aber wir stehen darüber" (Franz, von, 1980, S. 222)

Vishuddhi - Halschakra

Das Element des Vishuddhi ist der Äther (Vishuddha=Reinheit, Vishuddhi=Reinigung). Beide Bezeichnungen werden für dieses Chakra gebraucht. Äther ist der Übergang zwischen Materie und Geist. Für Jung ist die Welt des Vishuddhi-Chakras die Welt der psychischen Realität, die einzige Realität, die es gibt.

Was bedeutet das? Alle psychischen Tatsachen haben nach Jung nichts mit der materiellen Welt zu tun. So hat z. B. vom Vishuddhi aus gesehen, der Ärger, den ich über jemand oder über etwas empfinde, nichts mit dieser Person oder dieser Sache zu tun, sondern er ist ein Phänomen für sich. Ich ärgere mich. Das ist rein subjektiv. Die Person, über die ich mich ärgere, merkt vielleicht gar nichts von meinem Ärger, was mich dann noch mehr ärgert. Nicht die Person oder die Sache machen mich ärgerlich, sondern mein eigener Schatten. Es geht immer nur um das, was sich in unserer Seele abspielt, die Anderen sind nur Auslöser, haben aber mit dem Ärger, den wir haben, nur sehr wenig zu tun. Der schlimmste Feind ist in uns selbst (Schatten).

Die Menschen, die uns in der Außenwelt begegnen, sind Exponenten unserer psychischen Verfassung. Die Welt des Vishuddhi ist die Welt der Symbole. Im Symbol begegnen wir immer uns selbst. Wenn ich dem Dunklen im Symbol begegne, dann begegne ich dem Dunkeln in mir. Wenn ich dem Göttlichen im Symbol begegne, dann begegne ich dem Göttlichen in mir.

Ajna -Stirnauge

Ajna bedeutet Weisung. Zum Ajna-Chakra meint Jung, dass hier ist nichts als Psyche sei und doch sei da eine andere Psyche als Gegenüber zu unserer psychischen Realität, nämlich die Nicht-Ego-Realität, in der wir aufgehen werden. Das Psychische sei nicht mehr ein Inhalt in uns, sondern wir seien ein Inhalt im Psychischen.

Ajna bedeutet "Weisung". Beim Stirnauge geht es um das innere Sehen, um die innere Weisung. Sie hat nichts mit irgendwelchen Gesetzen, Befehlen oder Vorschriften zu tun, sondern diese innere Weisung ist eine Kraft, die bewirkt, dass etwas geschieht."Du träumst nicht einmal davon, dass du irgend etwas anderes tun könntest, als das, was diese Kraft fordert. Ja, diese Kraft fordert nicht einmal etwas, denn du tust ja bereits das, was die Kraft will, denn du bist die Kraft" (Jung, zit, nach Spring, 1976, S. 17)

Ajna ist das Einswerden des menschlichen Wollens mit dem Wollen des Selbst.

Jung meint weiter: "Das Ajna ist der Zustand einer totalen Bewusstheit - nicht nur einer Selbstbewusstheit, sondern einer Bewusstheit, die alles einschließt [...] jeden Baum, jeden Stein, jeden Lufthauch, jeden Rattenschwanz. All das bist du selbst. Es gibt nichts, was du nicht bist. In einer solchen unendlich weiten Bewusstheit werden auch alle Chakren gleichzeitig erfahren, denn es ist der höchste Zustand der Bewusstheit. Und er wäre nicht der höchste, wenn er nicht alle früheren Erfahrungen mit einschließen würde" (Jung, zit, nach Spring, 1976, S. 33)

Sahasrara - Kronenchakra

Sahasrara bedeutet tausendblättriger Lotos. Jung sagt zu diesem Chakra: "Sahasrara ist jenseits jeder Erfahrung. Im Sahasrara ist nur noch Brahman. Brahman kann nicht erfahren werden. Es ist die "Nicht-Zwei", und alles, was nicht zwei ist, was nicht teil hat an der Polarität, ist nicht erfahrbar" (Jung, zit, nach Spring, 1976, S. 1). Die Kombination von seiend und nicht-seiend ist in dieser Welt nicht möglich. Das Seiende, das zugleich das Nicht-Seiende ist, wird in Indien Nirwana genannt.

Was ist Nirwana? Als Buddha einmal gefragt wurde, ob es Nirvana gibt, gab er keine Antwort. Als er gefragt wurde, ob es Nirwana nicht gibt, gab er ebenfalls keine Antwort. Buddha wollte damit zum Ausdruck bringen, dass jede Aussage über Nirwana falsch ist, weil eine Aussage eine Dualität voraussetzt. Indem ich etwas bezeichne, grenze ich es von etwas anderem ab. Nirwana ist das Alles und das Nichts. Man kann also nur schweigen.

Zusammenfassend meint C. G. Jung: "Die Chakren sind Intuitionen über die Psyche als Ganzes, über ihre verschiedenen Zustände und Möglichkeiten. Sie symbolisieren die Psyche von einem kosmischen Standpunkt aus, es ist wie wenn ein Überbewusstsein, ein allumfassendes göttliches Bewusstsein von oben herunter die Psyche überschaute" (Fierz-Wolf, 1932, S. 144).

Bei allen "Stufen" und "Phasen" gilt es zu beachten, dass der Chakrenweg so wenig wie der Individuationsprozess ein Abheben in "höhere Sphären" bedeutet. Im Gegenteil, für Jung ist es wichtig, dass wir bei allem "Aufsteigen" fest im Wurzelchakra verankert bleiben - obwohl immer etwas von der erreichten Stufe hängen bleibt. Aber diese erreichte Stufe will immer wieder neu eingeübt werden.

Chakren in Träumen

Chakrensymbole und Chakreninhalte tauchen auch in Träumen auf. So berichtet C. G. Jung ausführlich über eine Traumserie, in der die einzelnen Chakren eine wesentliche Rolle in den eine Heilung begleitenden Träumen spielen. Chakrenträume kann man oft an den "Elementen" erkennen, die im Traum vorkommen. So können z. B. Erde, Steine und materielle Gegenstände Hinweise auf das Wurzelchakra sein. Wasser dagegen kann auf das Polaritätschakra hinweisen. So berichtet z. B. C. G. Jung von einem Mann, der träumte, "er gehe auf Landstrassen, auf Wegen und schmalen Pfaden, zu Fuß oder fahre mit dem Wagen, aber alle Wege führen immer ins Wasser hinein". Jung deutete diesen Traum folgendermaßen: "Das Wasser im Svadhisthara ist das Wasser der Taufe – ein symbolischer Akt des Ertrinkens. Nur durch Ertrinken kann man neu geboren werden […] Auch Analyse bedeutet Wiedergeburt mit Gefahr des Ertrinkens im Unbewussten".

Manipuraträume haben oft mit dem Feuer und mit dem Kochprozess zu tun. Sie können jedoch auch den Reinigungsprozess eines Waschvorgangs zum Inhalt haben.

So träumte ein 50jähriger gepflegter Mann: "Ich begegne auf der Straße einer schmuddeligen Gestalt in schmutzigen Kleidern und von finsterem Aussehen. Ich reagiere mit Verachtung und flüchte in mein Haus. Kaum habe ich die Tür hinter mir geschlossen, da beginnt sich das Haus zu drehen – links herum - rechts herum – links herum - rechts herum – immer im Wechsel (wie eine Waschmaschine) Als es schließlich zum Stillstand kommt, schaue ich vorsichtig aus dem Fenster. Ich sehe, dass der schmuddelige Mann vor der Tür meines Hauses steht. Er hat jetzt meine Gesichtszüge und sieht gar nicht mehr so finster aus."

Auch ein Gärvorgang kann im Traum auf das Sonnengeflechtschakra hinweisen.

Luftträume und Träume von Vögeln können Hinweise auf das Herzchakra sein, während Engel und Symbole (z. B: Kreuz, Kreis, Edelstein) in Träumen auf das Halschakra und ethische Impulse auf das Stirnauge hinweisen können.

Träume oder Visionen einer alles umfassenden Einheit können ebenfalls Ajna-Träume sein.

So hatte ein 37jähriger Priester folgendes Erlebnis:"Ich meditierte auf dem Gipfel eines Berges. Meine Augen waren geöffnet und ich sah die aufgehende Sonne. Ich sah Berge und Täler, die gesamte Menschheit. Alle Kreatur, die Sonne, der Mond und die Sterne – alles war in mir. Dann schloss ich die Augen und begann zu fühlen, wie mein Körper größer und größer wurde und schließlich das ganze Universum umfasste. Ich sah, dass alles, was ich vorher außen gesehen hatte, jetzt in mir war: die ganze Schöpfung, die Berge und Täler, die gesamte Menschheit, alle Kreatur, die Sonne, der Mond und die Sterne – alles war in mir. Als ich dann in die Sinnenwelt zurückkehrte, wußte ich, daß etwas in mir geschehen war. Ich war nicht mehr derselbe Mensch".

Träume oder Visionen einer Unio mystica in denen ein totales Einssein mit Gott erlebt wird, ein Aufgehen in Gott, das Alles in Allem ist, sind Kronenchakra-Träume.

Ein Mandala kann eine Vorschau auf den gesamten Chakrenprozess sein. Ebenso folgender Traum einer 47jährigen Frau: "Ich stehe im Traum vor einer Kommode mit sieben Schubladen, die sich übereinander befinden. Ich öffne die unterste Schublade. Darin liegen Gegenstände, die ich Tag für Tag in Haus und Garten benütze. Ich öffne die zweitunterste Schublade. Darin liegen unheimliche Dinge, auch Eidechsen und Schlangen. Ich öffne sodann eine Schublade nach der anderen, von unten nach oben. Dabei habe ich das Gefühl, dass ein starker Kraftstrom durch meinen Körper fließt. Als ich die oberste Schublade öffne, werde ich erfüllt von einem numinosen Glücksgefühl. Mit diesem Gefühl erwache ich und denke: Dieser Traum hat mich ja durch die Chakren geführt!".

Literatur: Standard, Bittlinger (1999), Jung, C. G. (1998)

Autor: Bittlinger, Arnold

+Keyword: Chaos

Links: Abgrund Kosmos Mandala Tiefe

Definition: Das griechische Wort Chaos bedeutet "gähnender Abgrund" oder "abgrundtiefe Leere des Raums". Chaos bezeichnet ein Zustand vollständiger Unordnung oder Verwirrung und ist damit der Gegenbegriff zu Kosmos, dem griechischen Begriff für die (Welt-)Ordnung oder das Universum.

Information: Viele Schöpfungsmythen beginnen mit Bildern des Chaos wie die in Finsternis getauchten Wasser, eine formlose Masse, ein vermengtes Ganzes, in dem eine Abgrenzung nicht möglich ist, das kosmogonische Ei, ein Meerungeheuer, ein Urriese usw. In archaischen Gesellschaften wurde der unbekannte Raum dem Chaos gleichgestellt, die Orientierung erfolgt durch das Achsenkreuz (Mandala) der vier Himmelsrichtungen. Rituale der orientatio wiederholen symbolisch die Kosmogonie.

In Hesiod's Theogonie stehen zwei Prinzipien am Anfang, "Chaos, das gestaltlose und Erde, die gestalthafte. Sie sind eher Ur-gründe als Ur-sprünge, sie gebären auch ohne ein zeugendes Paar miteinander zu bilden." (Kerényi 1978, S. 195)

In der orphischen Kosmogonie gebärt die Nacht das Weltei, aus dem Eros entsteht. Dieser auch Phanesg enannte Lichtgott hat androgyne Züge und enthält den Samen aller Götter, Menschen und Dinge. In Ägypten ist Nun eine grenzenlose, dunkle Wasserfläche mit Keimen der Schöpfung in sich. In ihr bildet sich ein Lehmhügel, auf dem der vielgestaltige Urgott auftaucht, der auch aus einem Ur-Ei dort hervorgehen kann. Mit diesem Ur- oder Schöpfergott (Atum, Ptah) verbindet sich später der Sonnenaspekt (Atum-Re), der als Repräsentant der kosmischen Ordnung den weiterhin existenten Mächten des Chaos (Apophis-Schlange) gegenübersteht.

In Babylonien wird das Chaos als Urmeer mit einem Seeungeheuer dargestellt, die Tiamat. Marduk, der Sonnenhelden tötet das Ungeheuer und bildet aus seinem zergliederten Körper den Kosmos. Der Drache versinnbildlicht hier das nicht Manifestierte, das vor der Schöpfung unzerteilte Eine.

Im biblischen Schöpfungsmythos ist die Erde zunächst ein finsteres Urmeer, ein Tohuwabohu (wüst und leer). Dann wird Licht und es entstehen Himmel und Erde. In vielen Schöpfungsmythen vollzieht sich der Übergang vom Chaos zur Ordnung durch die Trennung von Himmel und Erde.

Interpretation: Kosmogonische Vorstellungen wie das Weltei oder das Wasser bzw. Urmeer tauchen als philosophisches Ei oder aquapermanens bzw. prima materia im alchemistischen Opus wieder auf, welches die untere Entsprechung zum Schöpfungswerk Gottes darstellt. Der Urzustand der Materie (prima materia bzw. massa confusa oder informis opus magnum) entspricht dem Chaos, welches von Lebenssamen (fermentatio) geschwängert oder von Lichtfunken, den scintillae durchsetzt ist. Die darin in nuce enthaltene neue Form der Materie entspricht nach Jung den reinen Formen der platonischen Ideen und damit den Archetypen des Unbewussten. Anhand der Lichtfunken ("scintillae") im Chaos entwickelt Jung die paradoxe Vorstellung vom Unbewussten als multiples Bewusstsein (Jung 1976, S. 214-226).

Psychologisch bedeutet das Chaos den unbewussten Anfangszustand, die unbewusste Identität, in dem das Ich-Bewusstsein keimhaft angelegt ist. Das Symbol dafür ist der Uroboros als das Gegensatz enthaltende, vollkommene Große Runde, welches die Totalität der Welt als Anfang und Ende gleichermaßen umfasst. Hier muss therapeutisch, so Jung, gegenüber der emotionalen Turbulenz eine vernunftgemäße, überlegene geistig-seelische Position errichtet werden.

Dies entspricht dem Aufbau einer geistigen Gegenposition zur inzestuösen unio naturalis (separatio, extractio) und der Rücknahme der Projektionen. Bei einer zu einseitigen, starren Bewusstseinshaltung ist dagegen eine Auseinandersetzung des Ich mit seinem Gegenspieler, dem Unbewussten erforderlich. Das Ich muss auf die rationale Kontrolle des Unbewussten verzichten und seine Ohnmacht in dieser Hinsicht akzeptieren.

Literatur: Standard

Autor: Krapp, Manfred

+Keyword: Charisma

Links: Jesus Vision

Definition: Die Wurzel des griechischen Wortes CHARISMA ist CHAR, deren Grundbedeutung "Freude" ist. Wenn ein Mensch diese Freude als göttliches Geschenk in seinem Leben erfährt, dann ist dies CHAR-IS="Gnade". Wenn ein Mensch dieses göttliche Geschenk zu anderen weiterfließen lässt, dann erlebt der andere dies als CHARIS-MA (die Endsilbe MA bedeutet, dass etwas konkrete Gestalt annimmt).

Information: Der Begriff Charisma in dieser spezifischen Bedeutung begegnet uns erstmalig im Neuen Testament vor allem in den Schriften des Apostels Paulus.

Im Neuen Testament ist der Begriff Charisma identisch mit dem Begriff "exusia" ("Vollmacht"). So heisst es z. B. von Jesus: "Er redete wie einer, der Exusia hat und nicht wie die Schriftgelehrten" (Mt. 7, 29) Exusia heisst: aus dem Wesen, aus der usia (=aus dem Selbst) heraus handeln, so wie es im 1. Petrusbrief heisst: "Wenn ihr redet, dann sei eure Rede Gottes Rede und wenn ihr handelt dann handelt aus der Kraft die Gott verleiht". Ein solches Reden und Handeln aus dem Selbst heraus wird im 1. Petrusbrief "Charisma" genannt. (Petrus 4, 10f)

Interpretation: Was bedeuten Charismen psychologisch? Zunächst gilt es zwei Missverständnisse abzuwehren: das enthusiastische und das aktivistische.

Das enthusiastische Missverständnis besteht darin, dass Charismen als etwas Besonderes oder Übernatürliches betrachtet werden. In dieser verengten Auffassung von Charisma wird die Kreatürlichkeit des Menschen nicht ernst genommen. Der Mensch wird nur noch als Instrument gesehen, dessen sich Gott bedient, evtl. auch ohne oder gegen den Willen des betreffenden Menschen. Der Mensch wird nicht mehr voll als Mensch ernst genommen.

Diese Auffassung ist vom Neuen Testament her abzulehnen. Paulus kennt keinen Unterschied zwischen natürlichen und übernatürlichen Gaben. Bei ihm ist die Kassenverwaltung genauso ein Charisma wie das Sprachenreden und die Diakonie genauso ein Charisma wie die Dämonenaustreibung.

Das aktivistische Missverständnis besteht darin, dass die Charismen nur noch als normale Tätigkeiten oder Fähigkeiten des Menschen verstanden werden. Bei diesem Missverständnis wird nicht mehr gefragt, wozu der einzelne Mensch von Gott begabt und beauftragt ist, sondern seine mehr oder weniger gut verrichtete Tätigkeit wird als Charisma bezeichnet. Es ist jedoch keineswegs ausgemacht, dass einem Menschen, der Medizin studiert hat, auch das Charisma der Krankenheilung gegeben ist oder dass ein Mensch, der aufgrund einer entsprechenden Ausbildung als Psychotherapeut tätig ist, das Charisma der Seel-Sorge (=Psycho-Therapie) hat. Sein eigentliches Charisma liegt vielleicht ganz woanders und bleibt verschüttet, solange er sich an der falschen Stelle einsetzt.

Während beim enthusiastischen Missverständnis der Charismen die Kreatürlichkeit nicht ernst genommen wird, werden beim aktivistischen Missverständnis die menschlichen Schattenaspekte nicht ernst genommen.

Nach dem Verständnis des Neuen Testaments hat Gott jeden Menschen als ein einmaliges Original geschaffen und bestimmte unauswechselbare Gaben in ihn gelegt. Durch diese Gaben will Gott selber in der Welt wirken. Wenn ein Mensch losgelöst von Gott versucht, sein Leben nach eigenem Gutdünken zu gestalten, dann verkümmert sein Wesen und er übt seine eigentliche Funktion gerade nicht aus. Wenn sich der Mensch jedoch öffnet für das Wirken des Heiligen Geistes (=für die Stimme seines wahren Selbst), dann wird er zu seiner Originalität befreit und Gott bedient sich der im Mensch liegenden Anlagen, um seine Gnade und seinen Geist sichtbar werden zu lassen zum Heil der Welt.

Der Heilige Geist handelt jedoch nicht unabhängig von der kreatürlichen und wachstümlichen Beschaffenheit des jeweiligen Menschen. Wenn z. B. das Charisma der Prophetie einem Menschen geschenkt wird, der einen engen Horizont hat, dann wird seine Prophetie in der Regel zunächst für seinen engen Interessenbereich bedeutsam sein. Wenn er jedoch seinen Horizont weitet, und Politik, Wirtschaft, Kunst usw. in seinen Interessenbereich mit aufnimmt, dann wird seine Prophetie auch für diese Bereiche bedeutsam sein. Die liebevolle Beschäftigung mit einem bestimmten Bereich oder Menschen ist in der Regel Voraussetzung dafür, dass das Charisma diese Bereiche und Menschen erreicht und ihnen zum Heil verhilft.

Im Zusammenhang mit dem Begriff Charisma erwähnt das Neue Testament ungefähr zwanzig Gaben und Fähigkeiten. (Röm. 12, 3-8) Hierzu einige Beispiele:

Jeder Mensch hat eine innere Bildwelt und eine innere Sprachwelt. Die innere Bildwelt kann sichtbar in Erscheinung treten in Träumen, Visionen und Imaginationen. Solche Bilder und Träume können zunächst eine persönliche Bedeutung für den Schauenden haben. Sie können aber auch wegweisende Hilfe für einen anderen Menschen oder für eine menschliche Gemeinschaft sein. So wird z. B. dem Apostel Petrus in einer Vision gezeigt, dass er die engen Grenzen seiner religiösen Vorstellungen erweitern muss und dem Apostel Paulus wird in einem Traumbild gezeigt, dass er seine Missionstätigkeit auf Europa ausdehnen soll.

Die innere Sprachwelt kann hörbar in Erscheinung treten in einem spontanen, nicht vom Verstand beeinflussten Reden in einer dem Redenden bekannten oder unbekannten Sprache. Das Reden in einer unbekannten Sprache nennt das Neue Testament "Glossolalie" (="Sprachenrede") oder "Beten im Geist".

Aus psychologischer Sicht handelt es sich bei der Glossolalie um eine Sprache aus dem kollektiven Unbewussten, bei der der lautliche Steinbruch, der angeboren in der Tiefe eines jeden Menschen ruht und das lautliche Rohmaterial sämtlicher Sprachen enthält, angebrochen wird. Bei der Glossolalie unterscheidet das Neue Testament zwischen einem Sprachenreden, das zwar nicht von den Redenden, aber von den Hörenden verstanden wird und einem Reden, das von beiden nicht verstanden wird und deshalb der Interpretation bedarf. Der Interpretation bedürfen auch sonstige unverständliche Beiträge wie z. B. unverständliche Visionen, (gemalte) Bilder, unverständliche musikalische oder poetische Beiträge etc. Das Charisma der Interpretation besteht in einem intuitiven Einfühlungsvermögen in die Psyche der "CharismatikerInnen", sodass die Interpretierenden in verständlicher Sprache sagen können, was die "CharismatikerInnen" nur in unverständlicher Weise ausdrücken können.

Beim Charisma der Prophetie geht es um das rechte Wort zur rechten Zeit. Es kann verbunden sein mit einer Deutung der Vergangenheit und mit einem Ausblick in die Zukunft.

Der Prophetie zugeordnet ist das Charisma der Unterscheidung, das die prophetischen Äußerungen beurteilt.

Das Charisma der Krankenheilung, das bei Jesus und den Aposteln eine bedeutende Rolle spielt, ist vor allem bei Schamaninnen und Schamanen weit verbreitet und wird seit einiger Zeit auch in den traditionellen Kirchen wieder Ernst genommen.

Beim Erkennen von Krankheiten und seelischen Verbiegungen kann das Charisma der Diagnose (eine Sonderfunktion der Prophetie) sehr hilfreich sein. Diagnostische Prophetie ist jedoch nicht nur für einzelne Menschen bedeutsam, sondern auch für Gemeinden und Gemeinschaften.

Im Neuen Testament ist Jesus von Nazareth Archetyp eines Charismatikers. Er verkörpert alle Charismen.

Bei der Ausübung von Charismen geht es nie um das Phänomen, sondern immer um die Funktion. Alle Charismen haben sowohl für den Einzelnen, als auch für die Gemeinde aufbauende Funktion11.

Das Ausüben von Charismen ist nicht in das Belieben des Einzelnen gestellt, sondern von allen Charismen gilt, was der Psychiater C. Scharfetter zum Charisma des schamanistischen Heilens sagt: "Unterdrückt unsere rationalistische Leistungsgesellschaft wesentliche Teile menschlicher Erfahrung? Darf eine Begabung straflos unterdrückt und beiseitegedrängt werden? Verkümmert sie dann einfach still, oder könnten solche Menschen in ein von uns heute als krank bezeichnetes Lebensgeleise kommen? Der für das Schamanentum begabte und dafür initiierte Mensch muss schamanisieren, so lauten die Berichte, sonst werde er krank und sterbe gar. Es ist ein Prozess der fortgesetzten Selbstheilung, die die schamanistische therapeutische Befähigung unterhält. Wer zum Vermittler der verschiedenen Seinschichten in die der Mensch eingebettet ist aufgerufen ist, darf sich dem nicht entziehen" (zit. nach Bittlinger, 1979).

Literatur: Standard, Bittlinger (1987)

Autor: Bittlinger, Arnold

+Keyword: Chassidismus

Links:

Definition: Chassidismus, von hebr. chassid, der Fromme, wird in der Regel auf die ostjüdische Erneuerungsbewegung des 18. /19. Jahrhunderts bezogen.

Information: Historisch betrachtet gehen dem Chassidismus die Chasside Aschkenas, die Frommen Deutschlands, voraus. Darunter ist die betont esoterische Frömmigkeitsbewegung des deutschen, später auch des französischen Judentums im 12. / 13. Jahrhunderts zu verstehen, die sich anfangs in Regensburg, Speyer, Worms und Mainz zusammenfand und die der Kabbala, sowie älteren Formen der jüdischen Mystik verbunden war. Zu ihren wichtigsten Meisterpersönlichkeiten gehörten Samuel ben Kalonymos he-Chassid aus Regensburg und Eleasar ben Juda aus Worms.

Interpretation: Die eigenständige ostjüdische Bewegung, deren reiches Traditionsgut mit seinen berühmten chassidischen Erzählungen in der Hauptsache durch Martin Buber (1878 - 1965) bekannt geworden ist, geht auf Israel ben Elieser (1700. 1760), auch Baal-Schem-Tow (Meister des guten Namens) genannt, zurück. Diese Ausformung des Ch. kann als Versuch verstanden werden, die an sich esoterische Kabbala zu popularisieren und im alltäglichen Leben fruchtbar zu machen. Die Bewegung entwickelte sich als religiöse Antwort, die im Gefolge einer großen Krise, die einerseits durch Pogrome, andererseits zu die von Sabbatai Zwi, einem Pseudo-Messias des 17. Jahrhunderts, ausgelösten Häresie verursacht wurde.

Die Zaddikim, d. h. die spirituellen Meister und die von ihnen seelsorgerlich betreuten Gemeinden, die Chassidim, stellten eine religiöse Alternative zu den Vertretern der rabbinischen und damit als orthodox anzusehenden Gesetzesfrömmigkeit dar. An die Stelle einer strikten Befolgung der Thora trat im Chassidismus der Wille und die Begeisterungskraft, in allen Dingen des alltäglichen Lebens und Tun Gott zu ergreifen und ihm in freudiger, lebensbejahender Erhebung zu dienen. Es komme darauf an, in rechter Sammlung (Kawwana) und Hingabe selbst das geringste und unscheinbarste Werk zu vollbringen. Auf diese Weise könne der Fromme mit all seinem Sein und Tun das Schicksal der Welt gestalten helfen. Insofern handle es sich nach Buber im Chassidismus um einen "unvergleichlichen Versuch, das sakramentale Leben des Menschen aus dem Verderben der Geläufigkeit zu retten". Buber ist das Verdienst zuzusprechen, den spirituellen Gehalt in poetischer Sprache der westlichen Welt als "chassidische Botschaft" und als eine "Ethos gewordenen Kabbala" vermittelt zu haben.

Dabei erfuhr energischen Widerspruch durch die literarkritischen Untersuchungen von Gershom Scholem (1897 - 1982)."Was dem Chassidismus seine besondere Formung gegeben hat, war vor allem die Begründung einer religiösen Gemeinschaft, die auf einem Paradox beruhte [...]. Die Originalität des Chassidismus kam dadurch zustande, daß Mystiker, die den mystischen Weg in sich verwirklicht hatten [...] vor einfache Leute traten und, anstatt den persönlichsten aller Wege nur für sich selbst zu gehen, ihn alle Menschen guten Willens zu lehren unternahmen" (G. Scholem, 1957, S. 375). Abgesehen von den in späteren Generationen zu beobachtenden Niedergangserscheinungen wurden die chassidischen Gemeinden im polnisch-russischen Raum während des zweiten Weltkriegs großenteils vernichtet. In den USA und in Israel konnten relativ kleine Kreise ihr religiöses Eigenleben von neuem realisieren. Die Kritik weist daraufhin, dass eine große Diskrepanz besteht zwischen der Realität und den von Buber gestalteten Darstellungen chassidischer Lebenswirklichkeit.

Literatur: Standard, Wehr (Chassidismus, 2009)

Autor: Wehr, Gerhard

+Keyword: Chimäre

Links: Heros-Prinzip Mutter, Große Sphinx

Definition: Etymolog. Chimaira von griech. Ziege. Feuerspeiendes weibliches Ungeheuer in der griech. Mythologie, das am Eingang zum Hades lebte. Es wird dargestellt mit Löwenkopf, Ziegenkörper und Schlangenschwanz- jedes der drei Teile kann jedoch auch in einem eigenen Kopf enden.

Information: Dem Mythos nach entstammt die Chimäre der Verbindung der Echidna und des Unterweltungeheuers Typhon, ihr Bruder war der Höllenhund Kerebos. An anderer Stelle wird sie als Schwester der Sphinx bezeichnet, die wie die Hydra und der Nemeische Löwe durch ihren Bruder Orthos mit ihrer Mutter Echidna im Inzest gezeugt wurde. (Ranke- Graves 1995, S. 113).

Interpretation: Die Chimäre war vermutlich Symbol des dreigeteilten Heiligen Jahres der Großen Göttin: Der Löwe als Symbol des Frühlings, die Ziege des Sommers und die Schlange des Winters.

Dem Mythos nach besiegte der Held Bellerophon die Chimäre, die ihre Umgebung verwüstete, indem er vom Rücken des Pegasus aus über der Chimäre fliegend Pfeile auf sie abschoss und sie so tötete. Chimäre sind gelegentlich in mittelalterlichen Mosaiken und Kapitellen als Verkörperungen satanischer Mächte dargestellt. In der Antike war sie Wappentier mehrerer Städte wie Korinth und Kyzikos. Die Chimäre wurde durch rationalistische Deutung zum Inbegriff der Gefahren von Land und Meer und zum Symbol der vulkanischen Gewalten des Erdinneren in Lykien.

Im heutigen Sprachgebrauch ist Chimäre Symbol für ein vages Fantasiegebilde, Fabelei oder ein Gerücht: "Es ist alles Chimäre".

Die Chimäre als Mischwesen, das im Mythos im Inzest gezeugt wurde, gehört wie ihre Schwester die Sphinx zum furchtbaren, negativen, vernichtenden Pol des Großen Weiblich-Mütterlichen. Im Mythos muss sie im Drachenkampf von Bellerophon überwunden werden, der sich die Kräfte des fliegenden Pferdes, des Pegasus, zunutze macht, was innerseelisch als Ablösung aus der Macht des Mutterarchetyps verstanden werden kann, wie auch als Entwicklung und Differenzierung des Bewusstseins aus dem Unbewussten.

Literatur: Standard

Autor: Kuptz-Klimpel, Annette

Chirurg +Keyword: Chirurg. Siehe: Arzt

+Keyword: Christbaum. Siehe Baum Weihnachten Weihnachtbaum

+Keyword: Christopherus

Links: Christus Kind

Definition: Seit dem 5. Jahrhundert in Kleinasien als Kirchenpatron erwähnt, ist er keine historische Gestalt, wie auch sein Name nur die Sammelbezeichnung für Missionare ist, die Christus zu den Heiden tragen (Griech. phoreios = Träger).

Information: Keine

Interpretation: Der Heilige Christophorus stellt die Christianisierung heidnischer Vegetations- und Todesgottheiten dar wie die des griechischen Hermes oder des ägyptischen Anubis. Von Anubis, der den Horusknaben über den Nil trägt, erbte Christophorus die Hundsköpfigkeit, wie ihn russisch-orthodoxe Ikonen noch bis ins l8. Jahrhundert darstellen. Die Legenda aurea (1270) schildert Christophorus als Riesen mit ungeheuerlichem Aussehen, der nur dem stärksten Herrn dienen wollte. Von einem alten Mönch in die christliche Religion eingeweiht, diente er diesem als Fährmann. Eines Tages trägt er einen Knaben über den Fluss, der so schwer wird, dass der Riese fast untergeht. In der christlichen Interpretation trägt der Christusknabe die Weltkugel mit ihrem ganzen Gewicht. Hingegen spiegeln das Überqueren des Todesflusses und das Wunder des grünenden Stabes den Leben-, Tod- und Wiederauferstehungsglauben des alten Orients.

Das äußere Bild des Heiligen wandelt sich mit seiner Verbreitung: In Byzanz erscheint er als vornehm gekleideter Mann, im Mittelmeerraum mit adonishaften Zügen und in den Alpen verschmilzt er mit dem "Wilden Mann". Den Höhepunkt erreichte seine Verehrung während der Pestzeiten, wo er bis weit hinauf ins Rheinland als einer der 14 Nothelfer angerufen wurde. Als solcher soll er vor plötzlichem Tod und vor Gefahren auf Reisen bewahren, was sein weithin sichtbares Schutzbild auf Kirchenfassaden erklärt. Als christliche Version des Wilden Mannes beschützt er auch die Fruchtbarkeit der Felder und die Ernte der Bauern. Im Alpengebiet erscheint im Wasser zu Füssen des Heiligen oft eine doppelschwänzige Nixe vermutlich als Fruchbarkeitssymbol. Im 20. Jahrhundert erlebte St. Christophorus noch einmal eine kurze Blüte als Patron der Autofahrer. Heute führt ihn das offizielle Heiligenregister der katholischen Kirche nicht mehr.

Literatur: Standard

Autor: Meier-Seethaler, Carola

+Keyword: Christus

Links: Abendmahl Baum Christentum Gottesbild Jesus Kreuz Logos-Prinzip Licht Sonne Taufe

Definition: Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet "der Gesalbte". Das ist die Übersetzung aus dem Hebräischen für "Messias". Im christlichen Sprachgebrauch ist Jesus Christus üblich, wörtlich: Jesus ist der Gesalbte. Juden verstehen unter Messias den bis heute erwarteten Retter, Erlöser und König.

Information: Mit heiligem Öl gesalbt wurde der König bei seiner Inthronisation. Christen glauben, Jesus sei der Christus, aus Gott stammend und aus Liebe zu den Menschen Mensch geworden, am Kreuz gestorben, um die Menschen zu erlösen, von Gott auferweckt, aufgefahren zum Himmel und sitzend zur Rechten Gottes, er werde am Ende der Tage wiederkommen, um sein Reich aufzurichten. Seinen Jüngerinnen und Jüngern sendet er den Heiligen Geist.

Hauptquelle des Glaubens an Christus ist das Neue Testament, darin insbesondere die vier Evangelien und die Briefe, die dem Apostel Paulus zugeschrieben werden. Die christlichen Konzilien haben diesen christlichen Kanon zusammengestellt und ihn dem jüdischen Kanon, der Altes Testament genannt wurde, hinzugefügt. Auf den frühchristlichen Konzilien, insbesondere dem von Nizäa 325 n. Chr., wurde das sogenannte Apostolische Glaubensbekenntnis formuliert, das bis heute für alle Christen verbindlich ist. Es nennt Jesus Christus "wahrer Mensch und wahrer Gott", Sohn Gottes.

Interpretation: Christus wird verstanden als zweite Person der Trinität – Gott der Schöpfer, der Sohn und der Heilige Geist. Verschiedene Titel würdigen seine Bedeutung: Gottessohn, Mariensohn, Neuer Adam, Erstgeborener unter den Toten, Gekreuzigter, Auferstandener, Lamm Gottes, Herr, Heiland, Bruder, Freund, Bräutigam, Licht der Welt, Brot des Lebens, Wahrer Weinstock.

Die Symbole für Christus sind vielfältig. Am bekanntesten das Kreuz: Gleichschenkelig als kosmisches Kreuz, mit überlängter Vertikale das sogenannte lateinische Kreuz, in der Ostkirche mit zwei Querbalken, von denen das schräge Kreuz den Gekreuzigten darstellt. Verbreitet ist in Westeuropa das Kreuz mit dem Leib des Gekreuzigten, das Kruzifixus, das Kreuz mit einer Sonnenaureole als Zeichen der Auferstehung und das Kreuz mit Weinranken als Symbol für den Lebensbaum. In Darstellungen mit dem Kreuz verbunden sind auch vielfach die Evangelistensymbole: Matthäus, der Engel, für die Menschwerdung, Markus, der Löwe, für die Auferstehung, Lukas, der Stier, für den Opfertod und Johannes, der Adler für die Himmelfahrt. Sie zusammen umgeben das Kreuz als den Lebensbaum, der von den Keruben bewacht wird. Dieses Symbol verweist auch auf die Himmelsrichtungen und damit auf die kosmische Bedeutung.

Weit verbreitet und verehrt sind in der Ostkirche Ikonen, die Christus oder seine Auferstehung zeigen, sowie Mosaiken in der Apsis der Kirchen, die ihn als Pantokrator zeigen, als Herrn der ganzen Welt. Zahlreich sind die Christusgemälde, Skulpturen und symbolischen Darstellungen in der europäischen Tradition, die aber im Unterschied zur Ostkirche keine religiöse Verehrung genießen. Ein frühchristliches Symbol ist der Fisch. Verbreitet auch das Lamm, oft verbunden mit einer Siegesfahne. Ein bekanntes Christusmonogramm verbindet die griechischen Anfangsbuchstaben für Christus.

Religionsgeschichtlich ist die Christusgestalt als Sonne verwandt mit Sonnengöttern wie dem ägyptischen Re und dem griechischen Apoll. Als sterbender und wiederauferstehender Gott verwandt mit altorientalischen Vegetationsgottheiten wie Tammuz und Adonis sowie dem kleinasiatisch-griechischen Dionysus, als inkarnierte Gottheit und Heilbringer mit dem indischen Krishna und dem persischen Mithras.

Der historische Jesus wird verglichen mit Buddha, Laotse, Zarathustra, Mohammed.

Christ wird man durch die Taufe. Damit wird man nicht nur Mitglied einer Kirche, sondern bekommt Anteil am Erlösungstod Christi und an der Auferstehung, wird Bürger des kommenden Gottesreiches. Trotz der Aufspaltung in Konfessionen verbindet dies die Christen auf aller Welt. Verschiedener Ansicht sind sie über das zweite wichtige Sakrament, das Abendmahl oder die Eucharistie, zu dem sich die Gemeinden versammeln, um in einem symbolischen Mahl die Gemeinschaft mit Christus zu erneuern und zu stärken. Die christliche Gemeinde ist der Leib des zum Himmel aufgefahrenen Christus, während er selbst das Haupt ist. Ferner unterscheidet die Konfessionen die Auffassung von Priesteramt. In der römisch-katholischen und in der orthodoxen Konfession stehen die Priester in der Nachfolge der zwölf Apostel und – so die katholische Tradition – ist der Papst Stellvertreter Christi auf Erden. Die Konfessionen der Reformation vertreten dagegen die Auffassung vom Priesteramt aller Gläubigen. Allen Christen gemeinsam sind regelmäßige Zusammenkünfte, in denen gebetet, gesungen, gelehrt und die Gegenwart des lebendigen Christus gefeiert wird.

Das Christentum zählt zu den Buchreligionen wie Judentum und Islam. Bei den Juden, die Christus nicht anerkennen, gilt Jesus als ein Rabbi, der eine Radikalisierung des Glaubens anstrebte. Im Islam wird Jesus verehrt als der letzte Prophet vor Mohammed. Die vom Christentum geprägte Welt hat eine Zeitrechnung, die beim Jahr 0, der Geburt Jesu, beginnt und von da aus vorwärts oder rückwärts datiert.

In den letzten Jahrhunderten, insbesondere seit der Aufklärung, hat sich das Interesse von Christus auf den historischen Jesus verlagert. Die Verehrung Christi als Erlöser, als Weltenrichter, als Gottgleicher wurde abgelöst von der Erforschung dessen, was sich über die historische Gestalt Jesu und seine Umwelt herausfinden ließ. Die Zahl der Bücher, die sich diesem Thema widmen – oft auch in Auseinandersetzung mit der kirchlichen Tradition – ist unüberschaubar. Dazu kamen zahlreiche Jesusfilme und selbst ein Musical. Auch Nichtchristen schätzen Jesus von Nazareth als einen Menschen, der beispielhaft Liebe und Menschlichkeit vorgelebt hat. Die Gestalt Jesu wurde von Generation zu Generation neu als Beispiel und Anreger für die Friedensbewegung, für Befreiungsbewegungen, für soziale Reformen und für die Frauenbefreiung gedeutet. Über dem anhaltenden Interesse an dem Menschen Jesus ist die Frage, was mit Christus gemeint sei, in den Hintergrund getreten. Christus als eigenes Thema wird kaum noch wahrgenommen. Selbst die Kirchen haben Mühe, jenseits der dogmatischen Formeln eine Sprache dafür zu finden.

Opfer, Schuld, Vergebung. Viele Menschen der Gegenwart vermögen nicht nachzuvollziehen, dass Jesus Christus stellvertretend für die Menschen den Kreuzestod gelitten habe, um sie von Schuld zu erlösen. Sie lehnen ein Gottesbild ab, wonach Gott, der Vater, seinen einzigen Sohn opferte, um sich mit der sündigen Menschheit zu versöhnen. Psychologisch zutreffend bleibt aber wohl, dass der Mensch sich vielfach als unzureichend, als Versager und schuldig fühlt gegenüber einem Anspruch, den er in sich spürt. Er schämt sich und ist meistens sein eigener schärfster Ankläger und Richter. In mythischer Sprache ist Satan der Ankläger, Christus der Fürsprecher und Verteidiger des Menschen und beim jüngsten Gericht selbst der Richter. Jesus Christus ist demnach Symbolgestalt für die liebende Annahme des Menschen trotz seiner Mängel.

Der kosmische Christus. Danach gilt er als Urlicht der Schöpfung wie die Sophia, als Logos, als präexistent in Gott. Aus Liebe zu den Menschen ist er selbst Mensch geworden und hat aus Treue zu ihnen sogar einen schmählichen Tod auf sich genommen, um zurückzukehren in die himmlische Lichtfülle. Alle Menschen ohne Ansehen von Geschlecht, Rasse oder Volk haben durch ihn die Bestätigung der Liebe des Schöpfers und die Zusage, nach ihrem eigenen Tod Zugang zu bekommen zum göttlichen Reich der Seligkeit.

Neuer Impuls in der Menschheitsgeschichte. Mit der Konstellation des Christusglaubens ist ein neuer Entwicklungsimpuls in das menschliche Bewusstein gekommen. Die Vorstellung von der Inkarnation enthält eine Bestätigung des Menschen im Kontext der Schöpfung und eine Ermutigung, die menschliche Existenz mit allen ihren Herausforderungen anzunehmen und dabei Selbstannahme und Liebe zum Mitmenschen zu üben. Leiden ist kein Argument gegen den Sinn des Daseins. Es wird überstrahlt von Gnade, Liebe und kommendem Heil.

Überwindung des Bösen. Christus hat in der Gestalt Jesu nicht nur beispielhaft Menschlichkeit vorgelebt, er hat in seiner Auferstehung vor allem die finsteren Mächte, die Menschen im göttlichen Bereich fürchten, überwunden. Bei Gott gibt es keinen Widersacher des Menschen, sondern nur Liebe zu ihm. Der ganzen Menschheit ist Erlösung zugesagt.

Das Selbst. C. G. Jung hat eine dem Ich weit überlegene, integrierende und heilende Instanz in jedem Einzelnen beobachtet und nannte das Selbst auch den größeren Menschen, den Archetyp Gottes im Menschen, seine Gottebenbildlichkeit. Was mit Christus gemeint ist, lässt sich nach C. G. Jung besonders gut deuten. Er ist danach keine Person wie Jesus, sondern eine strukturierende Energie außerhalb von Raum und Zeit, die aber in der Psyche jedes Einzelnen wirkt, um zur Ganzheit zu leiten. Als biblische Beispielerzählung kann die Taufe Jesu genannt werden, eine Berufung, die den Menschen Jesus zunehmend in das Feld der Christusenergie hineinzog.

Visionäre Gestalt. Wie schon die Auferstehungsberichte der Evangelien nahelegen, wird Christus in Visionen erfahren - als Lichtgestalt, die Segen, Liebe, Heilung und Freude vermittelt, aber auch Abkehr vom bisherigen Lebensweg fordert. Davon erzählt die Geschichte von Saulus vor Damaskus. Von diesen biblischen Erzählungen abgesehen haben in der christlichen Geschichte seither unzählige Frauen und Männer von der Vision des Christus als einer Lichtgestalt erzählt. Diese Vision hat einerseits ihre Ängste, die Dämonen, vertrieben, ihnen andererseits die Energie vermittelt, ohne Angst vor dem eigenen Tod für andere Menschen einzustehen, sie zu heilen, zu beschützen, ihnen in Liebe zu dienen. Mystische Erfahrung ist demnach die Quelle und Keimzelle des Christusglaubens, sie stand und steht allerdings oft im Konflikt mit hierarchischen religiösen Instanzen.

4. In den letzten Jahrzehnten haben Berichte von Nahtoderfahrungen Aufmerksamkeit erregt. Menschen, die solche Erfahrungen, ob während einer Krankheit, während eines Unfalls oder als klinisch Tote hatten, erzählen unter anderem, dass sie schließlich einem Lichtwesen gegenüberstanden, mit dem Verständigung ohne Worte möglich war. Es strahlte umfassende Liebe aus. Je nach kulturell-religiösem Hintergrund wird dieses Lichtwesen auch Engel, Buddha, Mohammed oder Christus genannt. Bei den meisten, die eine solche Nahtoderfahrung hatten, hat sie eine nachhaltig wandelnde, heilende Kraft. Sie fürchten ihren Tod nicht mehr, sondern nehmen ihr Leben als eine Aufgabe an, die aber enden und sie zu dem Lichtwesen zurückführen wird, bei dem sie sich angenommen und geliebt fühlen.

Literatur: Standard, Bibel, Wöller (2004)

Autor: Wöller, Hildegunde

+Keyword: Chymische Hochzeit

Links: Alchemie Androynität Coniunctio Ganzheit Hieros Gamos Hochzeit Mysterium Coniunctionis Polarität Selbst

Definition: Analog zur Heiligen Hochzeit im religiös-mystischen Zusammenhang stellte die C. H. in der Alchemie die Vereinigung der polaren Gegensätze dar, um eine neue Qualität zu schaffen.

Information: Männliches und Weibliches, Sonnenhaftes und Mondhaftes ist - im Zeichen des Androgyns (Androgynität) zu vermählen. Die zuerst verfasste, jedoch zuletzt (1616) erschienene Grundschrift der Rosenkreuzer "Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz Anno 1459" widmet sich diesem Thema. Dabei wird deutlich, dass der Held dieses Mysterienromans selbst einen Prozess durchläuft, der dieser C. H. entspricht; äußeres Werk und innere Entwicklung greifen ineinander. In einer Folge von Schilderungen, die auf "sieben Tage" verteilt sind, berichtet der Ich-Erzähler von seinen Erlebnissen auf dem Weg zur geheimnisvollen Hochzeit von König und Königin. Es ist ein von Traumbildern, Allegorien und Symbolen durchsetzter Text, der viele alchemistische Anspielungen enthält

Interpretation: Dieser geistig-seelische Prozess des "Mysteriums Coniunctionis" symbolisiert den Individuationsporzess, die damit verbundene Gegensatz-Vereinigung als Ausdruck der Selbstwerdung des Menschen (Selbst). Dieser Prozess steht im Zentrum des Werks von C. G. Jung, der nicht nur unter dem Titel "Mysterium Coniunctionis" sein Spätwerk publiziert hat, sondern der sich lebenslang mit der zugrundeliegenden Symbolik beschäftigte, wie auch sein Briefwechsel zeigt.

Literatur: Standard

Autor: Wehr, Gerhard

+Keyword: Circulatio

Links: Alchemie Circumambulatio Kreativität Kreis Rad Wandlung

Definition: Die Circhulatio ist eine alchemistische Operation (Alchemie Opus magnum), in der durch Erhitzen die Dämpfe einer Substanz aufsteigen und als Kondensat in einem Rücklaufkolben wieder in das Gefäß geleitet werden.

Information: Dieser Kreislauf erneuert sich immer wieder durch die abwechselnde sublimatio und coagulatio des Stoffes. Die circulatiowird auch zur destillatio gerechnet. Im erweiterten Sinn beinhaltet die circulatio das Kreisen des Stoffes bzw. des Lapis durch alle Seinzustände, um die letzte Vollkommenheit (perfectio) zu bekommen. Er muss dazu alle Stunden des Tages durchlaufen, alle Jahreszeiten, die vier Elemente, die verschiedenen Qualitäten der Materie, zum Himmel aufsteigen und von diesem wieder absteigen.

Interpretation: "Ascensus und descensus, Höhe und Tiefe, Auf und Ab beschreiben ein emotionales Realisieren von Gegensätzen, welches zu einem Ausgleich derselben führt" (Jung, GW XIV/1, S. 244) und sich "allmählich in eine bilaterale Tätigkeit des Mittelpunkts verwandelt." (ebd. )

Hier verbindet sich die circulatio mit der circumambulatio. Das Durchlaufen der Gegensätze führt zum Gewahrwerden des Selbst und zur Verbindung der personalen Psyche (unten) mit der archetypischen Psyche. Dazu muss sich der Kreislauf der eigenen Komplexe im Zuge ihrer Verwandlung immer wieder vollziehen. Hier ist die circulatio mit Freuds "Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten" verwandt. Symbole der circulatio sind das Rad (rotatio ist ein Synonym für die circulatio) oder die Töpferscheibe. Oft wird das Gefäß der zirkulierenden destillatio mit dem Pelikan verglichen, der seinen Nachwuchs mit seinem eigenen Fleisch und Blut ernährt.

Literatur: Standard

Autor: Krapp, Manfred

+Keyword: Circumambulatio

Links: Alchemie Circulatio Kreativität Kreis Rad Wandlung

Definition: Die Circumambulatio ist keine eigentliche alchemistische Operation, wird aber häufig mit der circulatio in Zusammenhang gebracht. Von dieser unterscheidet sich die Circumambulatioin ihrer Konzentration auf die Mitte der Kreisbewegung.

Information: Die Circumambulatio entspricht "der Notwendigkeit der Konzentration auf das Werk und der Meditation desselben" (Jung GW 12, S. 174), was besonders die evasive, flüchtige Wandlungssubstanz, der Mercurius, erfordert siehe auch fixatio).

Interpretation: C. G: Jung hat den psychotherapeutischen Prozess als Circumambulatio beschrieben: "Der Weg ist nicht geradlinig, sondern anscheinend zyklisch. Genauere Kenntnis hat ihn als Spirale erwiesen: die Traummotive kehren nach gewissen Intervallen immer wieder zu bestimmten Formen zurück, die ihrer Art nach ein Zentrum bezeichnen. [...] Die Träume als Manifestationen unbewusster Vorgänge rotieren oder zirkumambulieren um die Mitte". (Jung, GW 12, S. 43/44)

Die "labyrinthartige Verschlungenheit" des Weges zur Ganzheit gibt die Abbildung wieder. Jung vergleicht die Circumambulatio auch mit dem "Kreislauf des Lichtes und Wahrung der Mitte" im chinesischen Meditationstraktat "Das Geheimnis der Goldenen Blüte".

Für Edinger (1995) stellt die Circumambulatio eine Synthese des gerichteten mit dem phantastischen Denken dar, die er als "Netzwerk- oder Clusterdenken" (S. 20) bezeichnet. Es ist weder linear noch assoziativ, aber zweckvoll, die vielschichtigen Bedeutungen eines Bildes werden ähnlich wie bei einem Spinnennetz zu einem Netzwerk zusammengefügt."Es ist ein Denken, das sich kreisförmig um ein Zentrum orientiert und sich strahlenförmig auf dieses Zentrum zu und von diesem wegbewegt und es dabei umkreist." (ebd., S. 20) Jungs "Mysterium Coniunctionis" sei ein solches Netzwerk mit all seinen die vielen Facetten der Individuation wiedergebenden Bildern.

Literatur: Standard

Autor: Krapp, Manfred

+Keyword: Citrinitas

Links: Alchemie Gelb

Definition: Bei der Citrinitas, auch Xanthosis – Gelbwerdung genannt, handelt es sich um die dritte Phase des Opus magnum nach der Nigredo und Albedo.

Information: Zur Citrinitas gehört das Element Luft. Die Farbe Gelb verdeutlicht das Erreichen des Perfektionsgrades (perfectio) von Gold, über den der Lapis in der Rubedo noch hinausgeht. Gelb wird auch mit der Zugabe von Sulphur (Schwefel) im Opus verbunden. Nach Fabricius beginnt die Citrinitas mit der fermentatio und illuminatio (Bilder 11 und 12 des Rosarium philosophorum). Ein erneutes Opfer des in der Albedo erreichten Zustands ist notwendig, um den weißen Stein zum roten weiter zu verfeinern. Ab dem 15. Jh. wird die Citrinitas in der lateinischen Alchemie weniger erwähnt bzw. fällt mit der Phase der Rubedo zusammen.

Interpretation: Bei Dorneus repräsentiert die Farbe Gelb die Form des Geistes bzw. Intellekts, welche Anfang, Mitte und Ende des Opus sei und die Materie die mittels informatio (fermentatio) in die richtige (Gold-)Form bringt (vgl. Jung, GW 12, S. 302).

Nach Jung ist die Albedo eine Art abstrakter Idealzustand, der mit Leben erfüllt werden muss durch das " Blut" in der Rubedo. Hillman unterstreicht die Bedeutung der Citrinitas für den Übergang zwischen diesen beiden Phasen. Der geistige Aspekt der Albedo werde in der Citrinitas mit Sulphur verbunden, der durch seine Entflammbarkeit die Emotion verkörpere und den Intellekt affiziere. Ohne "den sehnsuchtsvollen Griff nach der Welt" (Hillman, 1991, S. 81) habe das Opus kein Leben. Die Citrinitas befreie die Seele vom weißen Zustand der psychologischen Reflexion und Einsicht und ist ein Gegenpol zur Psychologisierung durch zu abstrakte klinische Konzeptionen.

Literatur: Standard

Autor: Krapp, Manfred

+Keyword: Clown

Links: Humor Kind Narr Schatten Trickster

Definition: Spaßmacher im Zirkus, auf der Bühne oder schrille Außenseiterfigur, die kollektive Werte auf den Kopf stellt (wie z. B. in H. Bölls Roman: "Ansichten eines Clowns" 1963) und meist mit der gesellschaftlichen Rolle des sozial Untergeordneten identifiziert ist. Etym. stammt "Clown" aus dem Engl., bedeutet "Tölpel, Rüpel, Spaßmacher", kann jedoch auch aus dem Franz."colon" und lat."colonus" für "Bauer, Landmann" abgeleitet werden.

Information: Der Clown in seiner Rolle als Gegenteiler ist auch in religiösen Mythen von Stammesgesellschaften nordamerikanischer Indianer und im Buddhismus zu finden. Im spätmittelalterl. England wurde Clown in der Alltagssprache für "Dorftrottel" oder "Bauerntrampel" verwandt, ab dem 16. Jahrh. wurden mit Clown die komischen Bühnengestalten (u. a. bei Shakespeare) bezeichnet. Der europäische Festlandclown hat sich vermutlich aus den mittelalterlichen Gauklern und Hofnarren, dem Hanswurst von Brants Narrenschiff, später dem Arlecchino (Harlekin) der ital. Commedia dell Arte, dem Gracioso des span. Kommödie und dem Pierrot der franz. Pantomime heraus entwickelt. Aus Sicht der Analytischen Psychologie ist das Clownsmotiv mit dem Motiv des Narren verwandt. Narrheit und Weisheit liegen bei ihm nahe zusammen, jedoch mit einer stärkeren Gewichtung der ursprünglichen, unverbildeten Weisheit des Kindes.

Im Zirkus (seit ca. 1830) bilden Clownsnummern einen nicht wegzudenkenden Bestandteil des Programms. Es entwickelten sich zwei polare Clownstypen heraus: Im dummen August (Kennzeichen rote Nase und übergroßer Anzug) tritt uns das spontan spielende Kind gegenüber, das sich die Fähigkeit des Staunens bewahrt hat und voller Neugier ist, mehr naiv als dumm. Als ewiges Kind hat er sich die Freude an Oralem und Analem bewahrt, jedoch nie ambivalenz- oder konfliktfrei. Ständig ist er vor die Bewältigung der kleinen oder großen Herausforderungen seines Lebens gestellt und scheint an der "Tücke des Objektes" schier zu scheitern, er gibt jedoch niemals auf. Sein Gegenspieler ist der "Weißclown", der im Pailettenkostüm, spitzem Hut und mit weiß geschminktem Gesicht Aspekte von Eitelkeit, Besserwisserei, Humorlosigkeit aber auch narzisstische Selbstgefälligkeit verkörpert und die Anführerrolle übernimmt. Seine weiße Gesichtsmaske steht vermutlich im Zusammenhang mit mittelalterlichen Mysterienspielen, in denen die Seelen von Verstorbenen dargestellt wurden.

Die Zirkusgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrh. wurde maßgeblich von den großen Clowns Grock, Rivel und Popow geprägt. Brecht hat sich in einigen seiner Schauspiele vom clownesken Spiel anregen lassen, wobei er Chaplin und Karl Valentin zu seinen Lehrern zählte. Während die gesamte Stummfilmära und die Anfänge des Tonfilms die Entwicklung clownesker Gestalten begünstigte, sind die modernen Medien nicht geeignet, das Clownsspiel, dessen wichtiges Prinzip es ist, unmittelbare Erfahrung und direkten Kontakt zwischen Zuschauer und Spieler zu ermöglichen, in die einzelnen Haushalte zu bringen. Die Figur des Clowns wird in unserer Mediengesellschaft, in der Buntes, Schrilles und Geschmackloses zur Gewohnheit geworden ist, vermarktet, Sinn entleert, zur bloßen Maske für Spaßig/Schrilles oder Melancholisches und erfährt einen Werteverfall.

Fellini stellte in seinem Film "I Clowns" (1970) das gesellschaftliche Ableben des Clownss dar, aber auch dessen unvergängliche Faszination. Wie als Gegenbewegung wurde Mitte der 70er Jahre durch die "Festivals of Fools" das Motiv des Clowns mit seinen archetypischen Aspekten von vielen freien Theatergruppen, Soloclowns und Theaterschulen wieder entdeckt und auf Kleinkunstbühnen oder dem Straßenpflaster in der Tradition von Gauklern und fahrenden Komödianten zur Aufführung gebracht, wie auch zum Thema in Selbsterfahrungsgruppen.

Interpretation: Die Gestalt des Clown kann aufgrund seiner Nähe zum Archetyp des Kindes als Träger von Selbstaspekten und Ganzheitspotential verstanden werden, wie auch als kollektive Schattenfigur, eine Summierung aller individuellen inferioren Charaktereigenschaften, was natürlich auch seine große Faszination auf Kinder erklärt. Wie auch beim Narr ist das hinter dem Clown motiv stehende archetypische Muster das des Tricksters. Fellini hat die Beziehung zwischen August und Weißclown als Spiegel der Familie aus Sicht des Kindes gesehen: "Der weiße Clown und der August- es sind Lehrerin und Kind, Mutter und Lausbub, man könnte auch sagen der Engel mit dem feurigen Schwert und der Sünder. [...] Es ist der Kampf zwischen dem stolzen Kult der Vernunft. [...] und dem Instinkt, der Freiheit des Triebes" (Fellini 1974, S. 158)

August und Weißclown werden auch als komplementäre Aspekte einer Persönlichkeit interpretiert, wobei dem August die Trieb- und Instinktseite/Es zugeschrieben wird, während der Weißclown als Aspekte des Über-Ich angesehen werden kann. So kollidieren im komischen Paar Es-Impulse mit Über-Ich-Anforderungen, wobei der Zuschauer in der Identifikation den Part des vakanten Ichs übernehmen darf, der aber aufgrund seiner Zuschauerrolle nicht wirklich verzweifeln muss, sondern über Lachen seine Spannung abreagieren darf.

In analytischen Kinderpsychotherapien spielt die Beschäftigung mit dem Motiv des Clowns (dummer August) eine große Rolle, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem Schatten geht und prospektiv um die Entdeckung des eigenen innerseelischen Potenzials. Clown werden gemalt, getont und vor allem gespielt: Kinder verkleiden sich sehr gerne mit zu großen Erwachsenenkleidern, u. a. um die eigene Ohnmacht zu kompensieren und die Welt aus einer machtvolleren Perspektive zu erleben, oder mit treffender Beobachtungsgabe das Gehabe der Erwachsenen nachzuahmen.

Auf ein 8-jährige Mädchen mit angstneurotischer Symptomatik übte die "rote Nase" verbunden mit entsprechender Verkleidung über Stunden eine ungeheure Anziehungskraft aus, da sie sich so die Erlaubnis geben konnte, als Clownin "freche Sachen" anzustellen und mit ebenfalls als Clowns verkleideten Plüschfiguren zu erproben und "vorzuspielen", während die Therapeutin die Rolle der Zuschauer einnehmen und die Vorführungen der Cloens bewundern, anfeuern und beklatschen durfte.

Literatur: Standard, Kramer 1982

Autor: Kuptz-Klimpel, Annette

+Keyword: Coagulatio

Links: Alchemie Erde Opus magnum

Definition: Die Coagulatio ist eine alchemistische Operation (Alchemie, Opus magnum), durch die eine Flüssigkeit in einen festen Stoff verwandelt wird z. B. durch Verdampfung des Lösungsmittels und Ausfällung, durch Kühlung oder Gerinnung.

Information: Der Coagulatio wird das Element Erde zugeordnet. Oft erfolgt eine Gleichsetzung der Coagulatio mit Schöpfungsvorgängen, z. B. die ewige Bewegung im apeiron (Unbegrenztes) bei Anaximander, die Quirlung des Weltmeeres in der indischen Mythologie oder Fausts "Im Anfang war die Tat", Coagulatio wird deshalb auch mit dem Handeln verbunden.

Interpretation: In der Alchemie war die zu koagulierende Substanz v. a. das flüchtige Quecksilber (Mercurius, fixatio). Psychologisch ist dies die Assimilation eines flüchtigen Komplexes, um das Selbst zu koagulieren bzw. zu inkarnieren. Nach Edinger (1990, S. 114) kann Begehrlichkeit, in der Alchemie mit Schwefel gleichgesetzt, eine koagulierenden Einfluss haben, indem sie das "Feuer" der Affekte entfacht (siehe calcinatio). Das Bewusstsein des eigenen Schattens wirkt koagulierend durch das Realisieren der eigenen Grenzen. Motive der Coagulatio sind z. B. der Sturz der Seele durch die Sphären auf die Erde in der Gnosis oder der Sturz Luzifers. Prometheus war wegen seines Frevels an den Göttern ewig an einem Felsen angekettet. In der christlichen Religion entspricht der Coagulatio die Fleischwerdung des göttlichen Logos. Die Kreuzigung ist eine fixatio, die oft synonym verwendet wird für die Coagulatio.

Psychologisch beinhaltet die Coagulatio "den archetypische Prozess der Ichbildung" (Edinger, 1990, S. 147) einschließlich der Verankerung des Ich im Körper. Um archetypische Bilder ins Ich zu integrieren, bedarf es entwicklungspsychologisch einer Personalisierung z. B. durch die Eltern, was einen koagulierend Einfluss hat. Ist dieser Prozess gestört, kann er nachträglich z. B. in der therapeutischen Beziehung eine Konkretisierung erfahren. Zu fest koagulierte Persönlichkeitsstrukturen müssen aufgelöst bzw. flexibel gemacht werden (solutio). Geistesgeschichtlich ist die Analogiebildung eine Form der Coagulatio (vgl. Edinger, 1990, S. 130), weil sie Beziehungen herstellt im Sinne des "Als-ob" und so abstrakten Begriffen konkrete Formen gibt.

Literatur: Standard

Autor: Krapp, Manfred

+Keyword: Computer

Links: Internet Kommunikation Logos-Prinzip Maschine Rechnen Zahl

Definition: Ein Computer (engl. computer, zu: to compute = (be)rechnen, lat. computare)

ist ein Gerät zu elektronischen Verarbeitung und Speicherung von Daten, sowie zur Steuerung von Geräten und Prozessen.

Information: Arbeitsweise und Anwendungsmöglichkeiten eines Computers werden von der Hardware (z. B. Motherboard, Grafikkarte, Speichereinheiten, Ein- und Ausgabegeräte), sowie von der Software (Betriebssystem, Anwendungsprogramme) bestimmt.

Interpretation: Alles kann zum Symbol werden, insbesondere auch so ubiquitär und raumgreifend sich ausbreitende Dinge wie der Computer, der das Leben des Menschen in den letzten 30 Jahren grundlegend verändert hat. Etymologisch leitet sich der Begriff vom Zählen ab. Das Rechnen war auch seine ursprüngliche Aufgabe. Auf der Basis elementarer Rechenvorgänge hat sich aber explosiv eine Welt entwickelt, in der die Digitasisierung zum Leitprinzip wird. Ähnlich dem Telefon und Handy hat er sich zum Mittel für Kommunikation ohne direkten Kontakt entwickelt. Zugleich wird er aber zu einer neuen Art Partner, mit dem eine quasi-Beziehung möglich zu sein scheint. Vor einigen Jahren wurde ein verwahrloster Mann in einem verfallenen Gebäude umgeben von 15 Computern aufgefunden, die ihm offensichtlich eine Illusion von Gemeinschaft ermöglicht haben.

Er ist - insbesondere durch die explosive Entwicklung des Internet - das Tor zur Welt geworden. Im Unterschied zum Fernseher, der dieses Tor ab den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts für uns geöffnet hat, ist es dem Computer möglich zu kommunizieren. Wir können ihm etwas mitteilen und er reagiert. Mehr noch, wir können durch ihn der Welt etwas mitteilen und sie reagiert. Mithilfe des Internets sind verschiedenste Varianten der Kommunikation möglich und werden zunehmend genutzt, so z. B. Begegnungs- und Diskussionsforen, Chatrooms etc. Man hat über das Medium detaillierten Zugriff auf die Welt und ihren Erfahrungs- und Wissensschatz. Insofern dringt über ihn eine immense Wirklichkeitswelt in unsere Wohnungen, die gleichzeitig paradoxerweise aber auch einen Entwirklichungsprozess der Virtualisierung vorantreibt.

In vielen Bereichen hat der Computer bereits menschliche Kommunikation erweitert, teilweise sogar ersetzt. Dieser Prozess beginnt auch in der Psychotherapie. Vor allem die moderne Verhaltenstherapie experimentiert viel mit der Erfahrung in der virtuellen Welt. Beim Computer ist die Frage der Beziehung Mensch-Maschine am prägnantesten gestellt. Ist er zunächst Sklave, dienstbares Gerät, so ist es doch schnell so weit, dass wir seine Sklaven werden, er uns unterwirft unter seine Gesetze oder uns in bestimmten Leistungsbereichen völlig übertrifft. Der Welt der ungeahnten Möglichkeiten steht eine Welt der entindividualisierten Unterordnung unter logische Prinzipien gegenüber.

Man könnte mutmaßen: wie der Menschenaffe der Übergang vom Tier zum Menschen ist, so steht der Computer am Übergang vom Menschen zur Maschine und ersetzt ihn bereits in vielen Bereichen. Im Kern steckt in dieser Erfindung des Menschen wohl archetypisch der Wunsch, eine willfährige menschliche Kopie zu schaffen, einen dienstbaren Geist, einen Homunculus, ein menschenähnliches Wesen, roboterartig. Dabei gebärdet sich der Mensch als Schöpfergott oder nähert sich ihm zumindest an.

Im Traum eines Computeranfängers, der sich mit den ersten Schritten in diese Welt hineingewagt hat, zeigen sich zwei entgegengesetzte Dimensionen:

"Ich habe einen Computervirus, habe einen lyrischen Text verfasst. Während ich vor dem Bildschirm sitze, zerfällt er zu meinem Entsetzen vor meinen Augen. Alle Buchstaben fallen nach unten und häufen sich unten am Bildschirmrand auf. Dann fliegen sie wieder hoch und sortieren sich alphabetisch neu: alle a, b, c etc. je in eine Reihe. Ich bin entsetzt und als ich erwache überlege ich, ob ich das Gerät wieder verkaufe."

Hier stehen zwei Formen der Erfassung der Wirklichkeit nebeneinander, die kreativ-gestaltende und die analytisch-zerlegend-logische. Sie charakterisieren auch den Unterschied zwischen menschlich integrierendem Wesen und dem Wesen der Maschine. Die Frage schließt sich an, wie die beiden Seinsweisen im Träumer repräsentiert sind und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Darüber hinaus stellt dieser Traum auif kollektiver Ebene auch die Frage ob wir hier gesellschaftlich am Scheideweg stehen, d. h. ob sich unser Leben im Sinne unsrer kreativen Kräfte zu einem human-ästhetischen Ganzen entwickeln oder ob diese Kräfte abhängige Opfer der Funktionalisierung und Fragmentierung werden. Anders formuliert, geht es darum ob wir Opfer dieser technischen Entwicklung werden oder ob wir sie in den Dienst unsrer Kreativität stellen können und sie zu deren Entfaltung beitragen. Auf der Subjektebene geht es darum vielleicht auch für den Träumer, der möglicherweise ebenfalls im Konflikt zwischen Entfaltungs- und Ordnungskräften steht.

Literatur: Standard

Autor: Knoll, Dieter

+Keyword: Corpus Hermeticum

Links: Gnosis Esoterik Hermetik

Definition: Das Corpus Hermeticum ist eine Sammlung griechisch abgefasster Offenbarungsschriften aus dem weiteren Umkreis der Gnosis, die auf den Hermes Trismegistos, den ägyptischen Weisheitsgott und Ahnherrn der antiken Hermetik, zurückgeführt werden.

Information: Die unter sich nicht zusammenhängenden 17 bzw. 18 Traktate, an ihrer Spitze der lange Zeit titelgebende "Poimandres", lassen sich nicht exakt datieren, werden aber ins 2. und 3. Jahrhundert zurückgeführt. Viele von ihnen sind astrologischen und magischen Inhalts. Andererseits handelt es sich um Einweihungsschriften. Der nach Gnosis verlangende Schüler stellt Fragen, die von Hermes bzw. von Poimandres, dem "Geist der höchsten Macht", beantwortet werden. So lernt der Fragesteller sich selbst, seine Herkunft und seine Bestimmung kennen. Nun kann er sich entscheiden, den Weg zum Geist zu gehen, in Herzenshingabe dem Gott zu dienen und die vergängliche Welt gering zu achten.

Interpretation: Das Corpus Hermeticum gilt als ein typisches Produkt des griechisch-orientalischen Synkretismus der römischen Kaiserzeit. Als solches sei es Niederschlag okkulter Offenbarungsweisheit, die dem Streben nach Gottesschau, Wiedergeburt und Befreiung bzw. Erlösung der menschlichen Seele dienen will. Der bzw. die Autoren des Schriftwerks waren offensichtlich überzeugt, dass ihnen eine heilbringende Botschaft ähnlich dem Evangelium der Christenheit anvertraut ist, das sie der Menschheit zugänglich machen sollen, damit diese dem künftigen Gericht entgeht und in ihren Urstand, vor dem Fall in die Materie, zurückzukehren vermag. Das Corpus Hermeticum bzw. Teile davon, wurden erstmals zur Zeit der italienischen Renaissance wiederentdeckt und ins Lateinische übersetzt. Sieht man von einer Übersetzung von D. Tiedemann (1781) ab, so liegt eine Übertragung ins Deutsche nicht vor.

Literatur: Standard

Autor: Wehr, Gerhard

+Keyword: Couch

Links: Analyse Analytische Psychotherapie Assoziation Bett Oben Regression Schlaf Traum Unten

Definition: Die Couch (engl. couch, frz. couche = Lager, zu: coucher = hinlegen, lagern, lat. collocare) ist ein Liegesofra mit Rückenlehne und Seitenlehne, das sich zum Liegen wie zum Sitzen und Schlafen eignet.

Information: S. Freud hat die Couch als zentrales Behandlungsinstrument in die Psychotherapie eingeführt und sie ist inzwischen geradezu zu einem Kennzeichen der Analyse geworden, was sich auch schon redensartlich niedergeschlagen hat, z. B: "Ich lege mich doch nicht auf die Couch!" als Ausdruck für die Abneigung, sich von jemanden Anderem "durchleuchten" zu lassen oder einen "Seelenstriptease" zu machen.

Interpretation: Allgemein ist die Couch ist Möbel mit einem Symbolgehalt ganz ähnlich einem Bett (eine Vorstufe dazu), auf dem man es sich bequem machen kann, auf dem man loslassen, entspannen, träumen und schlafen kann, das einem Geborgenheit und Schutz schenkt.

In der analytischen Psychotherapie soll mit dem Liegen auf der Couch eine tiefere Regression, ein besseres Zulassen der freien Assoziation (Assoziation, freie), des Fantasierens und Imaginierens ermöglicht werden. Die damit verbundene Oben-Unten-Position von Therapeut und Patient, die ein asymetrisches Beziehungsverhältnis ausdrückt, wird dafür in Kauf genommen, zumal sie auch entsprechende Übertragungsvorgänge (Macht-Ohnmacht, Kontrolle-Hingabe, Autonomie-Abhängigkeit, Aggressivität-Sexualität) provoziert, die für die meisten Patienten zentrale Konflikt- und Komplexthemen sind.

Dass der Analytiker außerdem hinter dem Patienten bzw. außerhalb seines unmittelbaren Blickkontaktes sitzt, soll helfen, den Assoziationsfluss des Patienten nicht durch Reaktionen des Analytikers, seine Mimik und Gestik zu beeinflussen und es auch dem Analytiker ermöglichen, eine entspannte, den unbewussten Inhalten (Unbewusstes) zugewandte Haltung und gleichschwebende Aufmerksamkeit (Aufmerksamkeit, gleichschwebende) zu ermöglichen. Allerdings können gerade auch durch diese Haltung Ängste und traumatische Erfahrungen des Patienten ausgelöst bzw. gesteigert werden, was wiederum der angestrebten entspannten und gelockerten Haltung, die für einen guten Zugang zum Unbewussten wesentlich ist, entgegenwirken könnte. Andererseits wiederum kann das Liegen auf der Couch dem Patienten das Gefühl geben, eine ganze wichtige und zentrale Person im Prozess zu sein, was er durch den Therapeuten ganz bewusst auch dadurch bestätigt bekommen, dass er relativ wenig redet, sich einfühlend verhält und sich mit eigenen Bedürfnissen zurückhält.

Im günstigen Fall ist die Couch so etwas wie ein sicheres, schützendes "Fahrzeug" oder "Raumschiff", dass den Patienten bei seiner Nachtmeerfahrt durch die - zunächst meist bedrohliche empfundenen, später aber immer lustvoller und abenteuerlicher erlebbaren - Tiefendimensionen der Seele.

Literatur: Standard

Autor: Müller, Lutz

+Keyword: D – Buchstabe

Links: Alphabet Buch Buchstabe Logos-Prinzip Wort

Definition: Der vierte Buchstabe des deutschen Alphabets entspricht dem Delta des griechischen und dem daleth des phönizischen Alphabets. Entstanden ist es aus einer Hieroglyphe, die eine geöffnete Hand darstellt.

Information: Die Phönizier nannten das Zeichen daleth, d. h. Türe, vermutlich in Anlehnung an den geöffneten Zelteingang. Im Griechischen stand das Delta für den der griechischen Sprache eigenen th-Laut, ähnlich dem englischen th. Das deutsche stimmhafte, mit der Zunge am Gaumen gebildete d wird im Griechischen anders ausgedrückt. Wie die anderen gerundeten Buchstaben, z. B. b und c ist auch das d zunächst eckig geschrieben worden.

Interpretation: Das bei Delta verwendete Dreieck ist in der griechischen Antike Symbol für das weibliche Geschlechtsteil und das Schamdreieck gewesen und u. a. mit Demeter und den Eleusinischen Mysterien in Verbindung gebracht worden. Vermutlich ist es aufgrund dieser bildhaften Verbindung u. a. als Symbol der Schöpfung angesehen worden.

Als Delta wird – in Anlehnung an die dreieckige Form des Buchstaben Delta – auch die Stelle bezeichnet, an der sich ein Fluss in einen See oder in das Meer ergießt. Der Begriff ist von Herodot zur Beschreibung des fruchtbaren Nildeltas verwendet worden. Als vierter Buchstabe des Alphabets kann das Delta für Quaternitäten und die Zahl Vier, also z. B. für die vier Elemente stehen. Zudem bezeichnet es den vierten Winkel, der entsteht, wenn aus dem Dreieck das Viereck gebildet wird. Das Delta verbindet also durch Form und Zahlenwert die Drei und die Vier.

Die Astronomie kennt über dem Nordpol im Sternbild Kepheus den Delta-Stern, Prototyp für einen periodisch veränderlicher Stern. Deltawellen im EEG treten während des Tiefschlafs oder der Bewusstlosigkeit auf. In der Medizin bedeutet das kleine d auf einem Rezept geschrieben: man gebe.

D-day (day-day, in Anlehnung an Thanksgiving Day, Independance Day) ist im Englischen die Bezeichnung für den Beginn einer militärischen Operation. Übersetzt ist es der Tag X, also der Tag, an dem etwas Entscheidendes geplant ist. Speziell steht der D-day für den 06. Juni 1944, dem Tag der Landung der alliierten Streitkräfte in der Normandie, also für den Tag der Wende im 2. Weltkrieg und damit für eine entscheidende Wende in der Weltpolitik und im Schicksal Deutschlands und Europas.

Unter den lateinischen Ziffern steht D für die 500, als d steht es für dezi, d. h. ein Zehntel einer größeren Einheit, z. B. von Litern oder Metern. In der Mathematik steht es außerdem für den Kreisdurchmesser und für Differential (Differentialrechnung), in der Chemie für das Element Deuterium, schweres Wasser. In der Musik bezeichnet es den zweiten Ton der C-Dur-Tonleiter, ist Tonartbezeichnung (d-Moll, D-Dur) und Kennzeichen für die Dominante. D1 und D2 sind Mobilfunknetze und D an Türen und auf Hinweisschildern heißt Damen.

Literatur: Standard

Autor: Müller, Anette

+Keyword: Dach

Links: Haus Kopf

Definition: Ein Dach (mhd. dach, ahd. dah, eigtl. = das Deckende] ist der obere Abschluss eines Hauses.

Information: Es gibt horizontale (Flach-) Dächer und solche durch eine mit Ziegeln oder anderem Material gedeckte Konstruktionen, bei der die Flächen in bestimmtem Winkel zueinander stehen.

Interpretation: Im Aberglauben fast aller Völker spielt das Dach einerseits als sicherster Schutz des Menschen, andererseits als Hauptangriffspunkt dämonischer Mächte eine große Rolle: Geister bevorzugen Öffnungen im Dach (s. Schornstein) als Eingang ins Haus oder halten sich im Gebälk des Dachs auf. Die schützende Kraft des Dachs hilft den Menschen vor verfolgenden Geistern und durch die Luft ziehenden Hexen. Es bietet Zuflucht und Obdach vor Regen, Schnee und Kälte, jedoch nicht vor dem gefürchteten Blitzschlag.

Die Redensart "Eins aufs Dach bekommen" knüpft an das Dach im Sinne von "Schädeldecke" an und meint, jemanden zu tadeln oder zurechtzuweisen. Damit ist symbolisch der Schädel als Sitz des Gehirns und damit der Gefühle und Gedanken angesprochen. In diesen Bedeutungszusammenhang gehören auch die umgangssprachlichen Wendungen "Bei jemandem ist gleich Feuer unterm Dach" (eine Person gerät leicht in Wut) oder "Bei jemandem ist es unterm Dach nicht ganz richtig" (jemand ist nicht ganz bei Verstand)."Etwas unter Dach und Fach bringen" meint, dass eine Unternehmung glücklich zum Abschluss gebracht werden konnte und bezieht sich ursprünglich auf den Bau eines Fachwerkhauses. Wenn ein Haus unter Dach und Fach war, wenn also Fachwerk und Dach fertig waren, galt der eigentliche Hausbau als beendet. Das Sprichwort "Besser ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach" will sagen, es sei besser, sich mit dem Sicheren zu begnügen als etwas Unsicheres anzustreben. Der Mount Everest als höchster Berg der Erde (das ständig schneebedeckte Bergmassiv im Himalaja ist 8 846 m hoch) wird als "Dach der Welt" bezeichnet.

Das Dach hat also Teil an den Symbolkreisen des Schutzes, des menschlichen Schädels und des Hohen und weit Entfernten, aber auch des Geheimnisvollen: Im Dach finden sich Fledermäuse, Nächtliches, Geisterhaftes. Durchs Dachgebälk seufzt der Wind, die Stimme der Geister. In Träumen vom Dachboden kann man Kindheitserinnerungen entdecken oder auch eine undichte Stelle im Dach; bei letzterem mangelt es vielleicht am Schutz gegenüber der Außenwelt, es könnte sich auch eine körperliche oder seelische Krankheit ankündigen. Der Dachboden kann, wie der Keller, ein Angstort sein, da man nicht weiß, was sich in seinen dunklen Ecken verbirgt.

Literatur: Standard

Autor: Claus, Waltraud

+Keyword: Daimon

Links: Besessenheit Energie Engel Geist Komplex Magie Selbst Teufel

Definition: Der Begriff Dämon (lat. daemon, griech. daimona = göttliches Wesen; Schicksal, Verhängnis) hat eine doppelte Bedeutung. Zum einen wir er als ein böser Geist, der den Menschen besessen machen kann, verstanden, andererseits auch als ein göttliches, gutes Wesen.

Information: Zur Zeit des Homer (9. Jh v. Chr.) war der Ausdruck "Daímon" für Gottheit noch ebenso gültig wie "Theós" oder "Theá" (Gott/Göttin). Erst ab Hesiod (8. Jh. v. Chr.) wird damit ein Wesen der Zwischenwelt bezeichnet. Der Daimon ist von da an eine numinose, faszinierende, auf irrationale oder unerwartete Weise sich äußernde göttliche Kraft, ohne dass der Kraftträger personifiziert würde. Jede hervorragende Kraft oder Tat, ob begeisternd oder verhängnisvoll, wurde eine "dämonische" genannt, da sie als Wirkung einer Gottheit galt. Eine gebräuchliche Etymologie leitet den Daimon ab vom gr. Verb daiesthai (= teilen) als "Zuteiler des Schicksals". Ab Pindar (522-442 v. Chr.) ist die Rede vom Daimon eines Einzelnen als eines persönlichen wegleitenden Schutzgeists (röm. Genius). Sokrates (469-399 v. Chr.) spricht von seinem "Daimonion” als göttlicher innerer Stimme, die ihn auf dem Wege seiner Bestimmung hielt. Ein wichtiges Zeugnis des Daimon als persönlichem Schutzgeist findet sich bei Platon (427-347 v. Chr.) am Ende der "Politeia". In diesem letzten Mythos griechischer Überlieferung wird berichtet, wie sich die menschlichen Seelen vor ihrer (Wieder-) Geburt in freier Wahl einen "Grundriss" (gr. paradeigma) ihres zukünftigen Lebens selbst aussuchen, und dass ihnen ein dazu passender persönlicher Daimon mitgegeben wird. Beim dramatischen Übertritt in die Erdenwelt werden die Wiedergeborenen zwar die gewählte Aufgabe vergessen, doch wird ihr Daimon als wegleitender innerer Rufer nicht aufhören, sie daran zu erinnern.

Trotz der Nähe zu Platon in vielen Punkten werden in der frühchristlichen Kirche die Daimones der Antike dennoch samt und sonders zu Dämonen im einseitig negativen Sinn. Im MA kommen noch die Götter und Geister nördlichen Ursprungs dazu, die diabolisiert werden.

In den Engeln gewinnen sie immerhin auch als positive numinose Kräfte Gestalt: Flügel zeigen sie als Wesen des Raumes zwischen Himmel und Erde. Auch in anderen Kulturen, die oft über differenzierte Dämonen- und (Natur-)Geisterwelten verfügen, sind Flügel Kennzeichen göttlich-daimonischer Kräfte, die auf Herkunft aus einer "Anderswelt" hindeuten. Böse oder niedere Dämonen ("unsaubere Geister") gelten in allen Naturreligionen als Ursache von Krankheit und Wahnsinn. Sie erzeugen Besessenheitszustände, von denen auch noch das NT berichtet.

Interpretation: C. G. Jung hat an vielen Stellen in Bezug auf die Symptomatik unbewusster Komplexe und vor allem archetypischer Wirkmächte auf die Verwandtschaft mit den Erscheinungsweisen abgespaltener Dämonenkräfte hingewiesen, sowohl im Kollektiv als auch individuell. Jeder Archetypus ist ein Daimon, der sich in verschiedenen Ausdrucksebenen zeigt, z. B. auch in prägenden Strömungen des "Zeitgeists". Im Individuationsprozess sieht Jung im Vorhandensein einer inneren Stimme, eines Gefühls von Bestimmung ein "persönliche Daimonion" am Werk. Am konsequentesten unter den jungianischen Psychologen vertritt James Hillman die Auffassung eines persönlichen "Daimon" ("Charakter und Bestimmung"), den er auch "Genius" oder "Engel" nennt. Hillman bezieht sich direkt auf den platonischen Mythos. Seine "Eicheltheorie" besagt, dass der persönliche Entwicklungsauftrag dem einzelnen Menschen von Anbeginn als Bild eines definitiven Charakters mitgegeben sei, so wie der Bauplan einer Eiche schon in die Eichel "eingefaltet" ist. Der innere Daimon wirke auf die fortschreitende Entfaltung dieses Bildes hin, doch schrecke die Seele u. U. vor der Größe der Aufgabe oder Berufung zurück, was zu neurotischen Symptomen führen könne. Nicht Störungen der zurückliegenden biographischen Geschichte seien die Ursache, sondern Angst vor der zukünftigen, unbewusst gefühlten Bestimmung. Um diese zu erfüllen, erfinde der Genius jedoch unermüdlich Mittel und Wege, die das ursprüngliche Bild auch in der Verzerrung erahnen lassen. Im psychotherapeutischen Prozess gehe es darum, das angeborene Bild aufzufinden, das sich auf allen Lebensstufen in irgendeiner Form zu zeigen versuche, besonders deutlich in der Kindheit.

Literatur: Standard

Autor: Romankiewicz, Brigitte

+Keyword: Denken

Links: Blau Dach Kopf Licht Logos-Prinzip Luft Oben Orientierungsfunktionen Sonne

Definition: Denken ist eine geistige Tätigkeit und eine der vier psychischen Orientierungs- oder Grundfunktionen (neben Fühlen, Empfinden und Intuieren).

Information: Unter Denken verstehen wir eine urteilende und nach den Kriterien "richtig" oder "falsch" entscheidende Geistestätigkeit, die streng logisch arbeitet und mit dem rationalen Verstand zusammenhängt. Früher wurde mit "Denken" – so auch heute noch in manchen philosophischen Systemen – jedwede Art von Bewusstseinstätigkeit bezeichnet. Das ist gemeint, wenn Heidegger sagt: "Im Denken lichtet sich das Sein."

Interpretation: Denken ist kein Symbol, sondern ein psychologischer Begriff. Die Denk-Funktion des Denkens wird im unbewussten Material aber oft symbolisch veranschaulicht. Denn neben der direkten Darstellung der Denkfunktion durch eben diese Aktivität (Denkäußerungen oder echte Gedanken des Traum-Ich) ist es in Traum, unbewusst gemalten Bildern oder aktiver Imagination insbesondere die Farbsymbolik, die einen Hinweis auf das Denken gibt.

Und zwar wird das Denken häufig durch die Farbe Blau dargestellt. Blau als Farbe des Himmels und der Atmosphäre (das blaue Wasser ist nur eine Spiegelung der Luftfarbe) ist besonders geeignet, diese Funktion zu repräsentieren. Ferner ist es die Kühle und Ferne-Betonung dieser Farbe (die auch die Farbe des Eises ist), die dem Denken verwandt ist, da das urteilende Denken immer eine Distanz zwischen sich und dem Denkobjekt schafft, weshalb wir im Extremfall sogar vom "kalten Denken" sprechen.

In unbewussten Malereien bedeutet das Überwiegen von Blau eine – zumindest momentane – Dominanz oder Hervorhebung der Denkfunktion beim Malenden, wobei natürlich auch die Formelemente und die Bewegungsdynamik des Bildes zu berücksichtigen sind. In Träumen und Imaginationen ist es ähnlich. Ein Beispiel ist der Traum einer ganz vom Denken geprägten Patientin, die sich vorwiegend im Kopf aufhielt und ihr verletzliches Fühlen verdrängt hatte. Als kühl-rationale Vatertochter war sie – wie der treffende ältere Ausdruck ist – ein "Blaustrumpf". Sie träumte von einem 7-jährigen Mädchen, das sie in der subjektstufigen Bedeutung selber ist und in welchem Alter die übermäßige Denkorientierung anfing: " [...] Mir fiel auf, dass es ein gut angezogenes, hübsches Mädchen war. Sie trug dunkelblaue Schuhe, eine hellblaue Strumpfhose, einen dunkelblauen Rock und eine hübsche, kindgerechte blau-gelb gemusterte Jacke."

Ein weiterer Farbzusammenhang ist der blaue Hintergrund der Mariendarstellungen des Mittelalters, in dem der kosmisch-spirituelle Aspekt der Denkfunktion anklingt. Neben der Symbolik über die Farbe kann das Denken durch Bilder wie Kopf (gleichbedeutend mit Ratio, Intellekt) oder durch ein sonstiges "Oben" wie das Dachgeschoss eines Hauses ("Oberstübchen"), ferner durch den Luftraum (das astrologische Element der Luft und die Luftzeichen haben mit dem Denken zu tun) versinnbildlicht werden.

Literatur: Standard, Adam (2003)

Autor: Adam, Klaus-Uwe

+Keyword: Denkmal

Links: Bauwerk Kunst Statussymbol Stein Symbol

Definition: Ein Denkmal oder Monument (germ bankjan "machen, dass etwas einleuchtet", got. bagkjan zu ahd. denken; indogerm mei- "sudeln, beschmieren", got. mail "Runzel", ahd. meil "Fleck, Zeichen, Befleckung, Sünde, Schande" vgl. engl mole "Leberfleck") beschreibt im weitesten Sinne jeden kulturgeschichtlich bedeutsamen Gegenstand, welcher insbesondere an bedeutsame Ereignisse oder auch Personen erinnert.

Information: Keine

Interpretation: Denkmäler sind Symbole durchaus auch im engeren Sinne. In ihnen verdichten sich konkrete, häufig konflikthafte Ereignisse in einer neuen, schöpferischen Gestalt, sodass sich Aktuelles und Vergangenes, Individuelles und kulturell Gemeinsames vermischen. In diesem Sinne dienen Denkmäler der Erweiterung und Vertiefung des kulturellen Bewusstseins im einzelnen Menschen und sind insofern unverzichtbar für die explizite kulturelle Selbstvergewisserung. Dies erfordert nicht nur eine Vieldeutigkeit der konkreten Gestalt des Denkmals und eine "symbolische Einstellung" des betrachtenden Menschen, sondern auch das Bemühen des Einzelnen um konkrete Kenntnisse und Zusammenhänge des zu Erinnernden. In dieser Hinsicht verstehen sich Denkmäler im Wortsinne als das Anrufen des Einzelnen, sich konkret seiner Kultur zu vergewissern. Denkmäler finden sich in elaborierten und geschichtsbewussten Kulturen in vielfältigster Form, so dass in heutigem Verständnis alle Kulturprodukte als Denkmal verstanden werden können – also auch Worte, Bücher, Zeichen, Bilder, Klänge, Musik und Gebäude. Denkmäler der transatlantischen Kultur in diesem Sinne sind demnach beispielsweise auch das Tagebuch der Anne Frank oder die Bilder des in das WTC einschlagenden Flugzeugs 9/11, aber auch das Beethovensche "Tatata-Tam" und das Wort "Wembley-Tor". In engerer Sicht finden sich Denkmäler in den frühen Hochkulturen als Stelen, Obelisken, Säulen und auch insbesondere römisch als Triumphbogen, wohingegen in der Neuzeit zunehmend figürliche Darstellungen überwiegten. So das Reiterdenkmal zur Darstellung des absolutistischen Fürsten und Herrschers oder die Personenstatue in imperialer Überdimensionalität wie das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald (1875) oder die Freiheitsstatue in New York (1886). Beginnend im letzten Jahrhundert zeigen sich Denkmäler entsprechend der bildenden Kunst eher abstrakt, architektonisch oder greifen ursprüngliche Symbole auf (Holocaust-Denkmal, Berlin; Ground Zero, New York). Daneben findet sich zunehmend das Bewahren geschichtsträchtiger Orte und deren Umwidmen vom Schauplatz des Ereignisses zum Schauplatz der Erinnerung (Ausschwitz, Theresienstadt, Berliner Mauer).

Literatur: Standard

Autor: Schlimme, Jann

+Keyword: Depression

Links: Alchemie Blei Finsternis Dunkelheit, Nigredo Kälte (Schnee) Nacht Nachtmeerfahrt Nebel Regression Saturn Schnee Unterwelt Hölle Tod Winter

Definition: Depression ist ätiologisch ein sehr weit gespanntes Gebiet. Hier soll es um Depression (von lat. deprimo niederdrücken, -ziehen, tief in die Erde graben) zum einen auf Grund einer neurotischen Entwicklung und zum anderen als Begleiterscheinung des Individuationsprozesses mit seinen phasenspezifischen Reifungs- und Schwellenerfahrungen gehen.

Information: Das Durchleiden des Individuationsprozesses ist häufig von depressiven Zuständen begleitet. Diese gehören zum menschlichen Leben. Depression verbindet sich mit einer ganzen Reihe von Bildern, die den seelischen Zustand des Betroffenen und seine emotionale Verfassung veranschaulichen.

Bei den Alchemisten finden wir anschauliche Schilderungen der psychosomatischen Verfassung in der Depression. So ist der mit Blei assoziierte Saturn von melancholischem Leiden übermannt, der Körper des sterbenden Königs ist von üblem Gift erfüllt, es quälen ihn "Hauer des Ebers", es bedrückt ihn Schwere; er leidet an Kopfschmerz und der Vorstellung, er verfalle körperlich.

Depressive Menschen schildern ähnliche somatische Beschwerden: Kopfschmerzen, gastro-intestinale Beschwerden wie Verstopfung und Magenschmerzen. Selbst die Vorstellung des körperlichen Verfalls stimmt mit der Schilderung der Alchemisten überein: Depressive klagen häufig über die Phobie an schweren Krankheiten wie Krebs, Aids u. a. zu leiden.

Eine junge Patientin schildert ihren Zustand so: Sie fühle sich unlebendig, eingesperrt in Dunkelheit, könne aber auch Helligkeit nicht ertragen. Sie friere trotz warmer Kleidung; die Kälte dringe von unten in sie ein und steige im Körper nach oben. Die Zukunft liege völlig im Dunkeln.

Interpretation: Die künstlerische Verarbeitung der Depression ist relativ häufig. Eine berühmte Darstellung des nahenden Todes (Tod), der seinen Schatten über das Licht wirft, ist das letzte Bild, das van Gogh vor seinem Selbstmord gemalt hat, ein Schwarm schwarzer Krähen über einem von der Sonne beschienenen Kornfeld.

Auch C. D. Friedrich hat die Depression auf verschiedene Weise sehr eindrucksvoll gestaltet (finsterer Abgrund, aufgewühltes schwarzes Meer u. s. w. ) Selbst seine scheinbar heitersten Bilder sind von einem Schleier der Depression überschattet. Folgende Zeilen von C. F. Meyer schildern den Verlust lebendiger Gefühle in der Depression:

"nichts das mich verdross,

nichts das mich freute,

nieder rinnt ein schmerzenloses Heute [...] "

In der Therapie ist es wichtig, den Patienten in der Depression ernst zu nehmen und zu begleiten ohne den Zustand mit anderen Inhalten zu überdecken. Das erfordert Ausdauer und Geduld und ein gewisses Vertrauen in die heilenden Kräfte der Psyche (Selbst Selbstregulation). Wichtig ist die sorgfältige Beachtung der Ich-Stärke des Patienten.

Literatur: Standard

Autor: Daniel, Rosmarie


+Keyword: Diamant

Links: Bewusstsein Edelstein Erleuchtung Ganzheit Glanz Licht Schatz Selbst Stein Stein der Weisen

Definition: Der Name Diamant leitet sich von griechisch adamas (spätlat. adamas, frz. diamant, mhd. diamant) ab, was Unbezwingbarer heißt.

Information: Durch seine Klarheit und Unzerstörbarkeit ist er der wertvollste Edelstein, außerdem der härteste natürliche Stoff. Nur ein geringer Teil der Diamanten wird als Edelstein verarbeitet, der größte Teil wird in der Industrie für die Produktion von Bohr- und Schleifwerkzeugen verbraucht.

Interpretation: Der Glanz des Diamant symbolisiert die Ewigkeit, die kosmische Vollkommenheit und die seelische Ganzheit. Der Diamant versinnbildlicht die absolute Reinheit, Unverletzlichkeit und Standhaftigkeit. Er ist Symbol für Licht und Leben, Beständigkeit und Aufrichtigkeit. Durch die Assoziation mit Reinheit und Unschuld entwickelte er sich zu einem beliebten Verlobungsgeschenk.

Der 60. Hochzeitstag wird auch "Diamantene Hochzeit" genannt. In der Edelsteinsymbolik wird der Diamant der Sonne zugeordnet. Begehrt ist der Diamant als Kronjuwel und als Talisman, ihm wurden zauberische Eigenschaften zugeschrieben, wie die Fähigkeit Krankheiten zu heilen, Gifte unwirksam zu machen und Dämonen zu vertreiben.

Literatur: Standard

Autor: N. N.

+Keyword: Dichtung

+Keyword: Dieb, stehlen

Links: Geheimnis Hermes Nacht Schatten

Definition: Ein Dieb (mhd. diep, diup, ahd. diob, viell. eigtl. = der Sichniederkauernde) ist ein Mensch (oder Tier), der fremdes Eigentum heimlich entwendet.

Interpretation: Wer bestohlen wird, kann darauf mit mehr oder minder starken Gefühlen reagieren, nicht nur mit Trauer über das verlorene Eigentum, sondern auch mit anderen Emotionen, vor allem mit Ärger und Scham. Umgekehrt kann der Dieb nicht nur Genugtuung über die erfolgreich ausgeführte Handlung, sondern auch die "diebische" Freude über seine Tat empfinden.

Beide, der Bestohlene und der Dieb, bilden ein archetypisches Paar, in dem es um mehr geht als darum, dass das Diebesgut seinen Besitzer wechselt. Beide sind aufeinander bezogen: ohne Eigentum gäbe es keinen Diebstahl, umgekehrt wird die Eigentümerschaft gerade dann schmerzlich bewusst, wenn sich der Dieb des (ehemaligen) Besitzes bemächtigt hat. Der Dieb ist die Schattenfigur des (Noch-) Besitzers, dessen bewusste Kontrolle er außer Kraft setzt; entweder indem er unerkannt ("verstohlen") handelt, oder auch, indem er Gewalt anwendet. Er oder sie steht in manchem Fällen in der Hochschätzung seiner Beute dem Bestohlenen um nichts nach, z. B. in manchen Fällen von Kunst-Diebstahl.

Das meist frühsozialistisch verstandene Diktum Proud'hons, demzufolge Eigentum und Diebstahl ein und dasselbe seien ("la propriété c'est le vol"), ist in sofern zutiefst richtig, als jeglicher Besitz ein vorläufiger ist, ein Sich-Bemächtigen einer Sache, von der wir zwar sagen, sie gehöre uns, die uns aber durch Diebstahl oder auch Naturgewalten, Zerstörung, Tod jederzeit abhanden kommen kann. Wirkliches Eigentum gibt es Matthäus 6:20 zufolge nur "im Himmel" ("Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen").

Je nach Motiven und wirtschaftlicher Situation sind zu unterscheiden: einerseits der in Geld oder auch nur ideell messbare Wert des Diebesgutes, dem je nach Perspektive Schädigung bzw. Verlust oder aber Bereicherung bzw. Gewinn entsprechen. Im geistigen Diebstahl (Plagiat) geht es streng genommen nur um den ideellen Wert der Urheberschaft: Der Autor möchte, dass seine Ideen in gedruckter oder elektronischer Form verbreitet werden, doch sollen sie mit seinem Namen oder auch Pseudonym verbunden sein. Dem Wert des Diebesgutes steht andererseits seine symbolische Bedeutung gegenüber, die oftmals erst aus dem klinischen Kontext bzw. aus dem geheimen Aufeinander-Bezogensein von Dieb und Diebesgut verständlich wird.

In der alten Psychopathologie wurde der unverständliche, "monomane" Charakter des krankhaften Stehlens ohne Bereicherungstendenz hervorgehoben, dem es nicht um das gestohlene Objekt, sondern um das Stehlen selbst geht.

Interpretation: Erst in einer psychodynamischen Betrachtungsweise wird deutlich, dass im "Kleptomanen" die ansonsten zwischen Dieb und Bestohlenen aufgespaltene Polarität von Schatten und Persona konflikthaft in einer Persönlichkeit vereint ist. Bewusstseinspsychologisch oder juridisch ist das krankhafte Stehlen ein Makel, ein Strafrechts-Delikt. Psychodynamisch gehört der Reiz des Verbotenen zur Kleptomanie. In einer "himmlischen" bzw. ideal-kommunistischen Gesellschaft hingegen wäre auch solches Stehlen nicht nur sinn-, sondern auch reizlos.

Die Tat selbst wird meist als persönlichkeitsfremd empfunden, als dranghaft, überwertig, oder aber als sexualisiert-orgiastisch.

Im Einzelnen können als intrapsychische Beweggründe unterschieden werden: Streben nach narzisstischem Triumphgefühl, oral-kaptative (einverleibende) oder aggressiv-trotzige Impulse, anale Bedürfnisse des Sammelns und Hortens, sadistisch-aggressive oder masochistische Selbstbestrafungs-Tendenzen.

Fallbeispiel: 60jährige, alleinstehende und gepflegt wirkende Frau, die seit 15 Jahren unter episodisch auftretenden Impulsen zu stehlen leidet. Der Anlass zum Kontakt mit dem Psychotherapeuten ist ein erneuter "Rückfall" während einer Bewährungsfrist, sodass die Patientin befürchtet, nunmehr eine Haftstrafe antreten zu müssen. Das dranghafte Stehlen habe nach der Scheidung von ihrem Mann begonnen, den sie aufgrund einer ungewollt eingetretenen Schwangerschaft sehr früh geheiratet hatte. In der Pubertät hatte sie unter Bulimie gelitten und gelegentlich Süßigkeiten gestohlen. Sie habe sich in der Ehe nur gequält und nur wegen ihrer Tochter durchgehalten. Anfangs habe ihr Mann das Kind nicht gemocht und es auch schlecht behandelt, und erst als ihre Tochter in die Pubertät gekommen sei, habe ihr Mann Interesse für sie entwickelt. Plötzlich sei er eifersüchtig auf die Freunde seiner Tochter geworden. Das Kind sei plötzlich sein ein und alles gewesen, sie selbst habe er eher abgeschoben. Aufgrund der zunehmenden Entfremdung, auch in sexueller Hinsicht, trennte sie sich von ihrem Mann. Die Symptomatik setzte etwa zeitgleich mit dem Beginn einer neuen Partnerschaft ein, die inzwischen durch den Tod des Partners zu Ende ging. Seit dieser Zeit stehle sie immer wieder Kleinigkeiten, vor allem Kleidungsstücke. Wenn sie dann ein Geschäft betrete und einen Gegenstand entwende, sei dies ein Gefühl aus Angst und Reiz gleichzeitig. Sie spüre dann einen Druck bzw. eine Beklemmung im Brustbereich, gleichzeitig reize sie jedoch das Risiko erwischt und bestraft zu werden.

Meist stehle sie Unterwäsche, die sie beim Einkauf in einem Lebensmittelmarkt in die Taschen ihres Kunst-Pelzmantels stopft und (im Gegensatz zu den übrigen Waren) an der Kasse weder vorweist noch bezahlt. Die Patientin berichtet den folgenden Wiederholungstraum, den auch ihre Mutter immer wieder geträumt habe: Ich stehe irgendwo – nackt. Irgendwelche Leute sind da. Ich bin dann einfach weggelaufen. Es hat mich sehr mitgenommen! Die Blamage, ich stand nackt da. Die Patientin lebt in eher bescheidenen Verhältnissen. Das Stehlen ist persönlichkeitsfremd, dient nicht der Bereicherung. Es inszeniert die Spannung zwischen der angepassten und geordneten Persona einerseits und dem triebhaft-delinquenten Schattenaspekt andererseits. Das Diebesgut scheint symbolisch das schmerzlich vermisste Liebesobjekt bzw. die narzisstische und konflikthaft erlebte Beschäftigung mit der eigenen Weiblichkeit zu vertreten. Mit der Externalisierung von Selbstbestrafungstendenzen, insbesondere mit deren Delegation an den strengen, ihre Unbotmäßigkeit sanktionierenden Richter, scheint intrapsychisch eine Entlastung verbunden zu sein.

Literatur: Standard, Leygraf et. al. (2003)

Autor: Frick, Eckhard

+Keyword: Diener, Dienen

Links: Eros Hermes Psychopompos Psychotherapie

Definition: Das Verb dienen (mhd dienen, ahd. dionon) geht auf ein germanisches Substantiv mit der Bedeutung Diener zurück. Ein Diener ist ein Untergebener, der gegen Lohn bestimmte Pflichten erfüllt.

Information: Als Hausangestellter (Hausdiener, Kammerdiener.) übernimmt er Aufgaben, die der höher stehende Mensch für nicht standesgemäß erachtet. Bereits in den ersten Frühkulturen gab es Hausdiener in der Form von Sklaven. Diener bekleiden auch öffentliche Ämter (Diener des Staates, Diener der Kirche), Voraussetzung ist hierbei, dass sich der Diener der Sache, für die er wirkt, unterordnet.

Interpretation: Die Redewendung "Niemand kann zwei Herren dienen" geht auf einen Ausspruch Jesus im Matthäusevangelium zurück: "Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhangen und den andern verachten" (Matthäus 6, 24). Diese Bibelworte werden zitiert, wenn man jemandem zu verstehen geben will, dass er sich klar entscheiden muss, wessen Interessen er vertritt oder wofür er sich engagieren will. In der komischen Oper (z. B. Der Barbier von Sevilla) und der italienischen Komödie (z. B. Der Diener zweier Herren von Carlo Goldoni) spielen Diener oft das komischen, karikierenden Gegenstück zu ihren Herren. Gelegentlich erweisen sich die Diener als die eigentlichen Herrn.

Literatur: Standard

Autor: N. N.

+Keyword: Donner, Donnerkeil

Links: Affekt Aggression Angst Blitz Energie Gewitter Gottesbild Himmel Stimme

Definition: Der Donner (Donner ahd, von Donar (german. ), Thor = germ. Donner- und Gewittergott, in Mythen Schutzgott der Menschen vor den dämonischen Riesen) ist ein dem Blitz bei einem Gewitter folgendes rollendes oder krachendes Geräusch.

Information: Der Donner entsteht durch die explosionsartige (Explosion) Ausdehnung der vom Blitz erhitzten Luft und breitet sich mit der Schallgeschwindigkeit von 330 m/s aus. Zählt man die Anzahl der Sekunden zwischen Blitz und Donner und teilt sie durch die Zahl 3, so erhält man angenähert die Entfernung des Gewitters in km.

Interpretation: Wie der Blitz wurde der Donner als Manifestation der verschiedener Himmelsgötter, als deren grollende, mächtige Stimme verstanden und der Donnerkeil als ihre Waffe (auch Attribute der Schmiedegötter Hephaistos, Vulcanus und Thor). Wie der Blitz können Donner und Donnerkeil sowohl todbringende, zerstörende, wie auch fruchtbarkeits (er-)zeugende Wirkung haben. Symbole des Donners und Attribute der Donnergötter sind Hammer, Trommel, Kriegsbeil, Blitzaxt (Axt), Rassel; Eichenbaum, Drache, Spirale und flammende Perle. Da Donner sich häufig mit Blitz und Regen zusammen entlädt, wird er mit Aspekten von Fruchtbarkeit und Wachstum in Verbindung gebracht.

Beispiele aus Mythen und Religionen der Völker: Gottes Stimme im Alten Testament ist in ihrer Machtfülle einem Donner gleich. Die Germanen dachten sich den Donner als Geräusch des Hammers Mjölnir, den der Donnergott Thor auf die Riesen schleudert oder als über den Himmel rollenden Götterwagen. In indianischen Mythen war der Donnervogel der Schöpfergott, der aber auch in Verbindung mit den zerstörerischen Kräften des Krieges steht. Das Donnergrollen wurde mit seinen Flügelschlagen (Adler) in Verbindung gebracht. Donnergötter in Japan verkörpern den Donner nicht nur des Himmels, sondern auch eines unterirdischen Vulkans. Altchina erlebte den Donner als "Lachen des Himmels" oder als übernatürlicher Trommelwirbel. Im griechischen Mythos schleuderte Zeus-Jupiter als oberster Himmelsgott Donnerkeile und Blitz als Ausdruck seiner Macht und seines Zornes.

Donnerkeile seien ursprünglich durch Blitzeinschlag in Sand entstandene, versinterte Röhren. Gleiche Bezeichnung erhielten in Mitteleuropa die Versteinerungen des Hinterteils der Kopffüßlers (Belemniten), in manchen Gegenden auch jungsteinzeitliche Lochäxte, die als magische Abwehr gegen Unwetterschäden verwandt wurden. Als Donnerkeil wird ein Symbol- und Ritualgegenstand in Indien und Tibet bezeichnet, als Diamantzepter (Diamant) im tantrischen Buddhismus gebraucht, um "die Unwissenheit zu zerspalten und die Erkenntnis zu befreien".

"Ein Donnerwetter loslassen" meint, jemanden tüchtig grollen oder schelten, wie eine erzürnte Gottheit durch das Gewitter Furcht und Schrecken verbreiten."Donnerwetter!", "Zum Donnerwetter nochmal!"- Fluch, Ausdruck des Unwillens.

Ähnlich wie der Blitz können Donner und Donnerkeil als polare Aspekte des Archetyps des Männlich-Väterlichen verstanden werden (siehe Blitz).

Die psychologische Wirkung liegt jedoch weniger in der Erfahrung des Lichtes, der Helligkeit, Erleuchtung, was ein Symbol für Bewusstheit und Erkenntnis ist, sondern mehr in der Erfahrung der angstvollen Erregung, der "Erschütterung" durch die laute, dunkle bedrohliche Stimme, was insbesondere bei Kindern immer wieder zu beobachten ist.

Im "I-Ging", dem chinesischen Weisheitsbuch wird der Donner mit dem "Erregenden", dem "Erschütternden" in Verbindung gebracht (51. Zeichen), der Herausforderung durch Gott und des eigenen Schicksals, dessen positive Bewältigung der Selbsterkenntnis und Selbsterforschung diene. Als Traumbild kann Donner Zorn, Wut und andere aggressive Gefühle hinweisen. Seelische und körperliche Spannungen drängen nach Entladung.

Literatur: Standard

Autor: Kuptz-Klimpel, Annette

+Keyword: Doppelgänger

Links: Angst Komplex Persona Schatten

Definition: Unter dem Begriff des Doppelgängers versteht man in der Regel das rätselhafte Pendant eines Menschen, welches in dessen gewohnter Alltagsumgebung in Erscheinung tritt und von dem man sich wie von seinem eigenen, sich verselbständigenden Schatten verfolgt fühlt.

Information: Das relativ junge Doppelgängermotiv findet in der Kunst vor allem in der romantischen Literatur Verwendung. In der Spätromantik haben die Autoren E. T. A. Hoffmann und E. A. Poe das Erzählmotiv entwickelt und variiert. Später prägten Maler wie Max Ernst und Renèe Margritte das Bild vom Doppelgänger. In subkulturellen Kontexten meint Doppelgänger häufig die menschliche Kopie, den sogenannten look-alike einer prominenten Persönlichkeit. Narzisstischer Starkult und das Verschwinden in einer gleichförmigen Masse liegen hier nahe beieinander. So scheint das Doppelgängermotiv heute einer Multiplizierung zu unterliegen, sowohl intrapsychisch – im Sinne einer multiplen Persönlichkeitsentdifferenzierung gemäß dem Ausspruch „Ich sind viele“ – als auch extrapsychisch im Sinne einer biotechnologischen Reproduzierbarkeit von Individuen als Roboter oder Klone. Damit scheint der Mensch das Postulat seiner Kohärenz und Unersetzbarkeit aufzugeben, was sowohl individuell als auch kollektiv für die menschliche Rasse an sich Geltung hat.

Interpretation: Der verdoppelte Mensch fühlt sich in seiner Einzigartigkeit bedroht. Er ist gekränkt, wenn er mit jemandem verwechselt wird. Unter Umständen verliert er das Gefühl, nicht mehr er selbst zu sein. Ist er es noch, wenn es da draußen jemanden gibt, der auch er ist? - So kann die Bedrohung des Ichs zu Depersonalisation und Derealisation führen. Oder repräsentiert er vielleicht sogar sein wahres Ich? Um dies zu (heraus zu) finden, muss er ihn ebenso verfolgen, wie er ihn verfolgt.

Die mit der Existenz eines Doppelgängers einhergehenden Befürchtungen, können mit den Ängsten identifiziert werden, die die Analytische Psychologie dem Phänomen des Schattens zuschreibt. So können sich im Doppelgänger im Sinne einer globalen Projektion des Selbst alle unbewussten psychischen Inhalte verdichten, die zu bedrohlich sind, um bewusst werden zu dürfen. Im Gegensatz zum Schatten verfolgt uns der Doppelgänger nicht auf Schritt und Tritt, sondern führt ein Eigenleben. Von ihm fühlen wir uns nicht nur bedroht, sondern wir sind vielleicht auch fasziniert von ihm, nehmen seine Spur auf, um ihm zu begegnen und um uns mit dem auseinander zu setzen, was er repräsentiert. Im Doppelgängermotiv sind wir der Erkenntnis unseres Abseitigen näher als im Schattenbild.

Eine besonders treffende psychologische Studie findet sich in Dostojewskijs früher Erzählung „Der Doppelgänger“. Der Begegnung mit seinem Doppelgänger geht eine von inneren Kämpfen und äußeren Verwerfungen zugrunde liegende Identitätsverunsicherung des Protagonisten voraus, die in dem Satz kulminiert: »Ich bin nicht ich, sondern jemand ganz anderer«. Ebenso wie sich aus dem psychodynamischen Vorlauf eine dissoziative Störung der Identität andeutet, scheint der Doppelgänger einem paranoidem Wahn entsprungen, da dieser ihn überall hin verfolgt und ihn aus seinem Leben zu verdrängen sucht. Es ist die Kunst der Erzählung, ohne psychologische Eindimensionalität die Ambiguität des Doppelgängermotivs zugänglich zu machen.

Literatur: Standard

Autor: te Wildt, Bert

+Keyword: Dorf

Links: Heimat Stadt

Definition: Das Dorf (etymol.: Gehöft, bebautes Land, bewohntes Haus, Gehöftansammlung) ist eine ständig bewohnte geschlossene Siedlung der Landbevölkerung mit Nutzfläche, spezifischer Sozialstruktur und eigener Verwaltung.

Information: Es ist sinnvoll, das Dorf von der Stadt mithilfe der wirtschaftlichen Funktionen zu unterscheiden, denn seit der späten Steinzeit brachte die Stadt den technischen Fortschritt, auch den der Landwirtschaft, hervor. Das Dorf entspricht dem Fokus der primären landwirtschaftlichen Produktion, während deren Verarbeitung in Güter und Leistungen "zweiten Grades" mehr in der städtischen Siedlung erfolgt. Schon seit der Antike ist der Stadt-Land-Gegensatz bekannt, nach dem ca. 10 Personen Landarbeit verrichten mussten, um einen Städter zu ernähren.

Dörfer entstanden in Deutschland im 5. -8. Jahrhundert aus Einzelhöfen oder Weilern, später im Rahmen der Landnahme auch als Planungen mit eigenen D-Formen. Lage, Form und Größe bestimmt sich durch die bäuerliche Arbeit und den engen Zusammenhang von familiärer Betriebs- und Haushaltsführung. Kennzeichnend im Dorf sind die Kleinformen der Betriebe wie Hüfner, Kleinstellen, Nebenerwerbslandwirtschaft, kleine Schulen, kleine Gewerbebetriebe.

Heute haben Dörfer zunehmend soziale Probleme durch die Pendelwanderungen zur Stadt mit Auseinanderklaffen von Arbeits- und Wohnsiedlung. Dorf verlieren ihre Bedeutung, werden eingemeindet oder zentral verwaltet.

Interpretation: Sprichwörter spiegeln die symbolische Bedeutung, in der das Kleinteilige am Dorf gleichgesetzt wird mit Kleinlichkeit, Engstirnigkeit, fehlendem Überblick, langsamem Denken. Im Dorf kennt jeder jeden und die soziale Kontrolle ist allumfassen."Auf oder über die Dörfer gehen" oder "die Kirche ums Dorf tragen" bezeichnet eine sehr umständliche Art, an Dinge heranzugehen oder etwas zu erzählen. Man soll "die Kirche im Dorf lassen" bedeutet, dass man nicht übertreiben soll, indem man Dorf-Angelegenheiten nach außen trägt."Das globale Dorf" ist eine Welt, die durch die elektronische Vernetzung und die Verflechtung der einzelnen Staaten angeblich kleiner und übersichtlich wie ein Dorf geworden ist.

Literatur: Standard

Autor: Friedemann, Monika

+Keyword: Dornen

Links: Schmerz Trauer

Definition: Dornen, Dornbüsche sind in den wüstenähnlichen Steppen des Vorderen Orients ein verbreitetes Phänomen. Sie sind zu harten, stechenden Gebilden umgewandelte Sprossen, Blätter oder Wurzeln von Pflanzen, die auf diese Weise ganze Monate der Hitze und Trockenheit überleben. Auch in anderen Klimazonen gibt es Sträucher mit Stacheln oder Dornen, die zu einem undurchdringlichen Dickicht zusammenwachsen.

Information: Keine

Interpretation: Im Alten Testament sind Dornen ein Symbol für unfruchtbares Land."Dornen und Disteln soll er (der Boden) dir tragen" heißt es bei der Vertreibung Adams aus dem Paradies (1. Mose 3, 18).

Ein dorniger Weg ist real und symbolisch ein Weg mit schwer zu überwindenden Hindernissen, die den Wanderer verletzen.

Die sprichwörtliche Wendung "ein Dorn im Auge" für etwas Unerträgliches stammt aus 4. Mose 33, 55. In der Wüste des Sinai begegnet Mose dem brennenden Dornbusch, aus dem ihn Gottes Engel anspricht und ihn beauftragt, die hebräischen Sklaven aus Ägypten zu führen (2. Mose 3, 1ff). Der brennende Dornbusch ist seither ein verbreitetes Symbol für eine Gotteserscheinung und Berufung, für eine Initiation.

Weniger bekannt ist die so genannte Jothamfabel mit ihrer Kritik am Königtum (Richter 9, 7ff). Die Bäume beraten darüber, wer ihr König sein soll. Alle grünen und fruchtbaren Bäume lehnen das Amt ab, sie wollen ihrer ursprünglichen Bestimmung treu bleiben, aber der Dornbusch nimmt die Salbung zum König an und sagt: "Kommt und bergt euch in meinem Schatten!" Im Neuen Testament werden Dornen weiterhin als Synonym für Unfruchtbarkeit genannt, z. B. in dem Gleichnis Jesu von der Saat, die auf verschiedene Arten von Boden fällt. Dornen ersticken sie. In der Passionsgeschichte schließlich wird erzählt, wie die Legionäre Jesus mit einer Dornenkrone foltern und verspotten. Die Dornenkrone erscheint auf den Darstellungen des Gekreuzigten als Symbol für sein Leiden und sein geheimes Königtum.

Als "Rose ohne Dornen" wird Maria, die jungfräuliche Mutter Jesu, verehrt, z. B. in dem Lied "Maria durch ein Dornwald ging", in dem es heißt: " [...] da haben die Dornen Rosen getragen". Botanisch gesehen haben Rosen keine Dornen, sondern Stacheln, aber die Symbolsprache will es anders. In Liebesgedichten und Liedern werden Rose und Dornen immer wieder als Symbol für Schönheit auf der einen und schmerzhafte Verletzungen auf der anderen genannt; in Goethes "Sah ein Knab ein Röslein stehen" hat das Röslein, obwohl es sich wehrte und stach, keine Chance gegenüber dem Vergewaltiger. In dem Märchen "Dornröschen" blühen an den Dornen, die während des hundertjährigen Schlafes gewachsen sind, Rosen auf, als der richtige Prinz kommt und durch die Dornenhecke dringen kann. In anderen Märchen, in denen der Held eine Nacht durchwachen muss, setzt er sich vor einen Dornstrauch, der ihn sticht, wenn er einzuschlafen droht. Der unfähige Held verstrickt sich in Dornenhecken und kommt darin um.

"Wo der Dornbusch brennt" von Carlo Carretto war in jüngster Zeit ein eindrucksvolles Buch über seinen freiwilligen Weg in die Wüste, um durch Gebet und Fasten in der Einsamkeit sich selbst und den christlichen Glauben zu finden. Der Titel "Dornen können Rosen tragen" von Jörg Zink nimmt das Motiv auf, um die Fähigkeit des Menschen zu mystischer Gotteserfahrung zu zeigen.

Leidenserfahrungen aller Art und die Unfähigkeit, diese Wunden zu überwinden sind von Anfang an ein wesentlicher Ansatzpunkt der Psychoanalyse. Zu den bewusst erinnerten treten unbewusst gewordene traumatische Erlebnisse wie Quälereien der Eltern in früher Kindheit, sexueller Missbrauch, Folter, Krieg und Vertreibung. Auch aus dem Inneren kommende Schuldgefühle und Selbstbestrafungsimpulse können wie Dornen verletzen. Schwere traumatische Erlebnisse führen nicht selten dazu, dass die Betreffenden sich mit Messern und Rasierklingen äußere Wunden zufügen, weil dieser Schmerz besser zu ertragen ist als der innere. Sie werfen sich geradezu in die Dornen. Ein solcher dorniger Weg kann zeitlich ein Ende finden, dann bedarf es aber noch langer Zeit, um die Wunden zu heilen. Auch beim Drang zur Selbstverletzung kann nur helfen, sozusagen zurückzuweichen und die heilenden, den Selbstwert wieder aufbauenden Ressourcen zu entdecken. Die christliche Deutung des stellvertretenden Leidens bzw. der Überhöhung des Leidens durch Überwindung des Todes ist therapeutisch wohl nur bei entsprechend veranlagten Menschen sinnvoll.

Wo im Leben des Einzelnen so etwas wie eine Erfahrung vom brennenden Dornbusch, also ein Berufungserlebnis, stattgefunden hat, ist es in den meisten Fällen geraten, die Versuchung zur Inflation aufzuspüren und ihr entgegenzuwirken.

Das Symbolpaar Dornen und Rosen ist dazu geeignet, die Ambivalenz der Gefühle wahrzunehmen und diese als conditio humana zu akzeptieren.

Traum eine Frau um die 45: "Ich sehe in ein Tal hinab, das von einem Dickicht von Rosenbüschen erfüllt ist. Unzählige rosa Rosen blühen. Aber die üppige Fülle ist von einer Eisdecke überzogen. Alles ist brüchig wie Glas." Der Traum deutet darauf hin, dass im Gefühlsleben und im Bereich der Liebe und des Erotischen etwas Traumatisches passiert ist, etwas eingefroren und brüchig geworden ist.

Literatur: Standard

Autor: Wöller, Hildegunde

Dose +Keyword: Dose

Je nachZusammenhang Symbol für Vagina oder Penis. Häufig ist die Dose auch Behältnis ohne weitere Symbolik.

+Keyword: Drache, Drachenkampf

Links: Anfang Angst Chaos Feuer Heldenreise Heros-Prinzip Schlange Tod Unbewusstes Uroborus

Definition: Ein Drache (von grch. drákon »Schlange«) ist in der Mythologie großes schlangen- oder echsenartiges, meist geflügeltes Fabeltier. Er verkörpert oft das Böse, das Chaos, die Mächte der Finsternis oder ist der Hüter eines Schatzes.

Information: In den mythologischen Vorstellungen vieler Völker des westlichen Kulturkreises verkörpert der Drache Anfangs- und Urmächte, die den Menschen und sein geordnetes Leben immer wieder bedrohen. Wenn die Menschen von den Ursprüngen und ersten Dingen des Lebens fantasieren, dann fantasieren sie auch drachenähnliche Gestalten. Drachen sind Geschöpfe des Chaos, der Unordnung, der Finsternis. Ihre Gegenspieler sind Licht, Ordnung und Erkenntnis bringende Götter und Heroen, die durch die Drachentötung Himmel und Erde voneinander trennen und die Welt entstehen lassen.

Eine der frühesten überlieferten Erzählungen ist der Kampf des babylonischen Sonnengottes Marduk gegen das Chaos-Ungeheuer Tiamat, die Mutter des Abgrunds. Mit einem Netz, einer Keule, mit Gift, Pfeil und Bogen und einem Köcher voll Blitzstrahlen bewaffnet, begleitet von den vier Winden und einem mächtigen Wirbelsturm, durchforschte Marduk in seinem Sturmwagen den Kosmos nach Tiamat. Er breitete sein Netz über die Leere und fing Tiamat darin und tötete sie.

Auch von dem griechischen Göttervater Zeus wird ein solcher Drachenkampf berichtet. Der Drache hieß Typhon und war ein Sohn von Gaia und Tartarus, der Erde und der Unterwelt. Gaia hatte ihn lange Zeit verborgen gehalten, aber eines Tages brach er aus seinem Versteck hervor, um das junge olympische Göttergeschlecht zu vernichten. Typhon, halb Mensch, halb Tier, war das größte Ungeheuer, das je das Licht der Welt erblickte. Nach langem Kampf besiegte Zeus Typhon endlich, indem er den Vulkan Ätna auf das Ungeheuer schleuderte.

Nach altnordischem Glauben erstreckte sich ein riesiger Baum, die immergrüne Weltesche Yggdrasil, vom Himmelszelt bis in die Tiefen der Hölle. Ihr Stamm und ihre Äste stützten die gesamte Weltordnung, und ihre Wurzeln verbanden die Welt der Götter, der Menschen und der Toten. An ihren Wurzeln und damit an den Grundfesten des geordneten Daseins aber nagte beständig der Drache Nidhöggr. Nicht nur der Urgrund allen Seins war durch den Drachen dauernd gefährdet, auch das Reich des Menschen war durch ein solches Wesen bedroht. Die Menschenwelt Midgard war umgeben von der Midgardschlange, die in der Tiefe des Meeres lag. Sie wurde von dem Gott Thor vergeblich bekämpft. Man stellte sich vor, dass es Thor und der Schlange bestimmt war, am Weltuntergang ein letztes Mal miteinander zu kämpfen. Dann würde Thor mitten im ewigen Winter, wenn der Himmel auseinanderbarst und das Chaos wiederkehrte, die Schlange töten, sobald sie aus dem Wasser schnellte. Der giftige Atem der sterbenden Riesenschlange aber würde den Gott ebenfalls vernichten. In den wogenden Feuermassen würde die Welt untergehen und in die Elemente zerstreut werden, aus denen sie entstanden war.

Interpretation: Der Drache ist ein äußerst vieldeutiges, archaisches Symbol. Deshalb lässt er sich auf die verschiedensten Mächte, die dem Menschen als gefährliches und lebenshemmendes Problem erscheinen, beziehen: beispielsweise auf die Naturgewalten, ein schweres Lebensschicksal, gefangensetzenden Bann der Eltern, auf das Unbekannte, Dunkle und Böse der Seele oder auf den Tod.

Wenn nun zusammengefasst wird, was in den beschriebenen Bildern assoziativ alles mit dem Drachen verbunden wird: Leere, Abgrund, Tiefe, Chaos, Dunkelheit, Katastrophen, Weltuntergang, tödliche, verschlingende Bedrohung, ekel- und schreckenerregende Gestalt, Gift, Feuer und Lava, dann sehen wir, dass er eine Projektionsgestalt der Menschheit für ihr Grundgefühl der dauernden Gefährdung sowohl in der Außenwelt wie auch in der psycho-physischen Innenwelt ist.

Im Drachen hat sich alles in einer Gestalt verbildlicht und verdichtet, was der Mensch sich als Ausdruck seiner existenziellen Ängste vorstellen konnte. Deshalb weisen auch andere schreckenerregende Gestalten der menschlichen Fantasie, die Dämonen, Teufel, Hexen, böse Gottheiten, die Horrorfiguren und Ungeheuer, meist enge Parallelen zum Drachenbild auf.

Diese Ängste und Gefährdungen der menschlichen Persönlichkeit, die sich in allen Zeiten und in allen Kulturen in ähnlichen bildhaften Gestalten dargestellt haben, sind archetypisch, das heißt, sie sind allgemein-menschliche Grunderfahrungen, die ebenso in der Gegenwart wie auch in der Zukunft das Erleben und Verhalten des einzelnen Menschen bestimmen werden.

Leicht lässt sich zeigen, dass auch die Psyche des modernen Menschen ganz ähnliche drachenartige Bilder spontan hervorbringt, wenn sie sich in entsprechenden archetypischen (Archetyp) Konfliktsituationen befindet. Dabei greift sie manchmal auf richtige archaische Drachengestalten zurück, manchmal passt sie sich aber auch den Entwicklungen des technischen Zeitalters an und lässt uns träumen von grünen Panzern, die durch das Dickicht brechen, von Dampflokomotiven, die rauchend und schnaufend aus der Höhle des Tunnels hervorkommen, und von Tieffliegern, die mit mörderischem Lärm über unsere Köpfe hinwegjagen. Die merkwürdigste Drachenvariante ist mir bisher im Traum eines jungen Mannes begegnet: Er wurde von einem großen alten Eisenofen verfolgt, in dem ein helles Feuer brannte und der ihn zu verschlingen drohte.

Jeder Mensch vollzieht von seiner Geburt bis zu seinem Tode immer wieder den Mythos des Helden und des Drachenkampfes. Im Vergleich zum reifen Erwachsenen-Bewusstsein ist das Bewusstsein des Kindes noch sehr diffus und chaotisch. Das Kind wird von seinen Trieben, Wünschen und Gefühlen geängstigt und getrieben, seine Umwelt ist ihm größtenteils fremd. Sie erscheint ihm mit unheimlichen Kräften und Mächten belebt, und es muss ständig fürchten, verstoßen und hilflos allein gelassen zu werden. Wie schnell der Chaos-Drache über ein kleines Kind hereinbrechen kann, sehen wir schon, wenn es auch nur für kurze Zeit allein gelassen wird. Dann wird aus einem fröhlichen, lebensoffenen Kind plötzlich ein zutiefst verzweifeltes Wesen, das von panischen Ängsten überflutet wird und so etwas wie den Untergang seiner Welt erlebt.

Am Anfang seiner Bewußtseinsentwicklung sind die guten Eltern für das Kind die göttlichen Heroen, die das Ur-Chaos bändigen, die Licht, Sicherheit und Orientierung bringen. An ihrem Vorbild und unter ihrer Anleitung lernt es allmählich, selbst ein menschlicher Held zu werden, das heißt, mithilfe seines immer besser werdenden Wahrnehmungs- und Unterscheidungsvermögens, seiner erstarkenden Willenskraft und Selbstständigkeit, seiner Trieb- und Gefühlskontrolle und seines erkennenden Denkens die Schwierigkeiten seines Daseins zu bewältigen und dessen Dunkelheiten aufzuhellen.

Aber das Leben führt den Menschen in den verschiedenen Altersstufen immer wieder vor neue, unbekannte Situationen, in denen er sein Scheitern befürchtet: Schule, Prüfungen, Beziehungen zu anderen Menschen und zum anderen, fremden Geschlecht, Sexualität, Beruf, Geburt eigener Kinder, Älterwerden, Trennungen, Krankheiten, Unfälle, Tod. Wenn es ihm vergönnt war, gute Bewältigungsstrategien dafür zu lernen, wird er Hoffnung und Mut haben, auch diese Situationen zu meistern. Aber nicht viele von uns haben diese guten Bewältigungsstrategien gelernt. Statt eines goldenen Schwertes des mutigen Denkens und der Entscheidungsfreude haben wir vielleicht nur ein verrostetes, altes, stumpfes Schwert zur Verfügung, das am ersten härteren Widerstand gleich zerbricht. Statt uns eines spiegelnden Schildes bedienen zu können, der uns Objektivität, Weisheit und Gelassenheit verleiht, lassen wir uns immer wieder von nervenaufreibenden Sorgen krank machen und von zermürbenden Streitereien verletzen. Oder statt uns von einem feurigen, starken Hengst neuen Zielen entgegentragen zu lassen, schleppen wir uns mit einem riesigen Sack von fremdbestimmten Pflichten, Verantwortlichkeiten, Schuld- und Minderwertigkeitszuschreibungen im Kreis herum durch eine öde Landschaft.

Deshalb werden solche neuen Lebensphasen, die uns zum Weiterlernen und zur Wandlung aufrufen, zu Situationen großer Angst und Gefährdung. Hinter ihnen scheint der große Drache zu lauern, der uns zu verschlingen droht, der das orientierende Licht unseres Bewusstseins verdunkelt, unsere Handlungsfähigkeit hemmt und unseren Lebenssinn auflöst.

Aber der Drache ist häufig nur deshalb gefährlich, weil wir vor ihm fliehen. Das, was wir als Chaos, Unbekanntes und Fremdes fürchten, sind häufig neue Entwicklungsmöglichkeiten, unbekannte Aspekte unseres Selbst, die wir uns noch nicht vertraut gemacht haben. Früher malte man auf den Landkarten an den Grenzen, wo das noch unerforschte Gebiet begann, einen Drachen. Man sagte gewissermaßen: Das ist gefährliches, fremdes Gebiet, hier hausen Drachen, deshalb wird es nicht weiter erkundet. Aber die Heldenmythen ermutigen dazu, uns der Angst vor dem Neuen und Unbekannten zu stellen und den Drachenkampf immer wieder zu wagen.

Bei Erich Neumann (Neumann, 1949) bezieht sich der Drachenkampf auf die Auseinandersetzung zwischen dem Ich-Bewusstsein und dem Unbewussten, auf die Ablösung aus der uroborischen (Uroborus) Ursprungssituation und die Ablösung aus der Macht der Eltern-Archetypen. In der

Alchemie repräsentiert der Drache das anfängliche Chaos, die "Ur-Materie" (prima materia), das Unbewusste, aus der, durch den Prozess des Lösens und Verbindens ("solve et coagula") der

Stein der Weisen, das höhere Bewusstsein, gewonnen werden soll. Hinter dem, was als Chaos, Unbekanntes und Fremdes gefürchtet und abgewertet wird, stehen aber nach Auffassung der

Analytischen Psychologie häufig neue Entwicklungsmöglichkeiten, latente, unbewusste Aspekte des

Selbst, die noch nicht vertraut sind. Die Heldenerzählungen vom Drachenkampf ermutigen, sich der Angst vor dem Unbekannten zu stellen und den Drachenkampf immer wieder zu wagen, damit das Hemmende überwunden, "der Schatz" gehoben, das Neue gefunden werden und das Leben weitergehen kann.

Der Drachenklampf symbolisiert somit tiefenpsychologisch die Differenzierung unbewusster Inhalte und deren

Integration in die bewusste Persönlichkeit, zu der immer auch das Aushalten von Angst gehört.

Ängste aber sind natürliche, oft hilfreiche und sinnvolle Reaktionen, die zur gesunden Lebensorientierung nötig sind. Der beste Umgang mit ihnen ist deshalb nicht ihre Unterdrückung oder Abtötung, sondern die aktive Auseinandersetzung mit ihnen und den mit ihnen verbundenen, befürchteten Inhalten. Dann können die "Drachen" auch ihre positiven, förderlichen Aspekte zeigen, wie sie in den Vorstellungen Indiens, Chinas und Japans zu finden sind. Dort ist der Drache ein Symbol der Fruchtbarkeit und schöpferischen Kraft, des langen Lebens, des Glücks und der Weisheit.

Literatur: Standard, Müller (1987), Steffen, (1984)

Autor: Müller, Lutz