Hunger

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Keyword: Hunger

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Definition: Die indogermanische Wurzel des Wortes (mhd. hunger, ahd. hungar) bedeutet brennen auch im übertragenen Sinne: vor Schmerz brennen, beschreibt also bildhaft das nicht genau lokalisierbare, oft in der Magengegend spürbare unangenehme, brennende oder ziehende Gefühl, das auftritt, wenn der Magen leer ist.

Information: Die Wortgeschichte verweist auf einen grundlegenden Unterschied zwischen Hunger und Appetit, also dem Verlangen nach und der Lust auf etwas. Hunger zu haben oder zu bekommen, bewegt den Menschen zum Essen und der dazugehörenden zielgerichteten Aktivität, hält ihm zugleich seine körperlich-biologischen Wurzel bewusst. Durch Aufnahme von Nahrung wird Hunger zunächst neutralisiert, weicht dann, noch bevor die Ernährung vom Körper resorbiert worden ist, dem Gefühl der Sättigung. Eigentlich wird Hunger von dem brennenden und ziehenden Gefühl bei Leere des Magens nur begleitet, ausgelöst aber durch Nahrungsmangel im Körper, u. a. durch eine Senkung des Blutzuckers. Hungern bedeutet, über einen langen Zeitabschnitt Hunger zu haben und nicht ausreichend Nahrung aufnehmen zu können. Hunger führt zu Heißhunger, d. h. sozusagen zu doppelt brennendem Schmerz. Dauernder Hunger und dauernde Unterversorgung mit Nahrungsmitteln über lange Jahre, zieht schwere Mangelerkrankungen nach sich. Eine längere Zeit lang hungern zu müssen, z. B. durch Kriegserfahrung oder andere Katastrophen führt zu schweren psychischen Traumata. In vielen ärmeren Regionen der Welt werden bis heute, um Hunger besser aushalten zu können, Pflanzenteile gekaut, die beruhigen oder aufputschende Substanzen enthalten. Menschen, die sich schlank hungern wollen, nehmen oft pharmazeutisch hergestellte Appetitzügler, die ähnliche Substanzen enthalten.

Interpretation: Außer nach Nahrung kann man auch nach der Erfüllung anderer basaler Bedürfnisse hungern: nach Liebe, Anerkennung, Zärtlichkeit, nach Sicherheit und Gehaltensein, nach Erkenntnis, nach Aktivität und Neuem, nach Gott u. v. m..

Bei Hunger adäquate Nahrungsmitteln bzw. adäquate andere Befriedigung zur Verfügung zu haben, ist ein Zeichen von Wohlstand, ja Luxus und von Frieden und bewirkt Gesundheit und Zufriedenheit. Religiös gesprochen ist genügend Nahrung Zeichen von Gnade, wird häufig auch als Lohn eines arbeitssamen und gottgefälligen Lebens und einer entsprechenden Einstellung betrachtet. Völlerei und Maßlosigkeit hingegen gelten als Sünde, ebenso wie z. B. überwertiger Narzissmus. Im Märchen funktioniert das Tischlein-deck-dich nur beim rechtschaffenen Helden, und das den süßen Brei kochende Töpfchen gehört dem mit der Weisheit der alten Frau im Walde in Berührung gekommenen Kind. Niemand sonst kann damit umgehen. Hungerleider meint abwertend jemanden, der nicht genügend zum Leben hat, weil er sich nicht genügend einsetzt und eine falsche Einstellung zu seinem Leben hat. Andererseits ist der Zustand von Sättigung auch mit Trägheit und Übersättigung verbunden, so dass eine heilenden Hungerkur, zum Fasten oder eine asketische Enthaltsamkeit manchmal nötig erscheint. Mit Fasten und Askese soll eine bewusste Lenkung und Zentrierung des Erlebens, Vorstellens, Denkens und Wollens auf bestimmte - oft religiöse - Inhalte erreicht werden.

So wie fehlender Appetit als Symptom und Unlust zu Essen viele Krankheiten begleitet, u. a. die Depression, so ist fehlender Hunger auch im übertragenen Sinne ein weitreichendes Symptom von Stagnation und fehlendem Antrieb. Lebenshunger ist ein besonders stark ausgeprägter Drang, viel oder auch tief zu erleben und sich existentiell lebendig zu fühlen, und kann sowohl auf eine besonders stark ausgeprägte Vitalität eines Menschen wie auch auf entsprechende Defizite hinweisen. Immer, wenn Gier, Übermaß oder Maßlosigkeit an Stelle des gesunden Hungers tritt, jemand also gierig isst, gierig nach etwas ist, voller Gier nach etwas greift, ist das ein Hinweis darauf, dass ein ganz basales körperliches oder seelisches Bedürfnis aus dem Gleichgewicht gekommen ist (Sucht, Geld - und Besitzgier, Narzissmus als Gier nach Anerkennung etc.) Gier und Begierde resultieren nicht primär aus Hunger, sondern aus damit gekoppelten Vorstellungen und Erfahrungen von seelischen und geistigen Befriedigungserlebnissen, die eng mit dem Gefühl von Sättigung gekoppelt sind.

Hunger und Durst sind erste und zentrale Unlustimpulse, positiv gesehen zugleich Trieb und Motivator mit gravierenden psychischen Folgen. Menschheitsgeschichtlich ist Hunger in Zusammenhang mit der Handhabung der Macht des Feuers vor allem in der Vorzeit Kultur- und bewusstseinsschaffend gewesen. Um zu überleben, hat der Mensch seine intellektuellen und handwerklichen Fähigkeiten im Bereich der Nahrungserzeugung, -sicherung und -zubereitung entwickelt und auf diesem Wege Einblicke in die Natur und deren Veränderung bekommen. Die frühe Alchemie und die moderne Chemie und Biochemie und ihre Labore haben bis heute eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Küche oder auch einer Hexenküche und den darin vorzufindenden Tätigkeiten behalten. Auch in jeder individuellen Biografie stellt Nahrung aufnehmen nach dem Atmen eines der ersten elementaren Bedürfnisse des Menschen von Beginn seiner eigenständigen Existenz an dar. Er wird nun nicht mehr passiv genährt, wenn er auch noch passiv abhängig und ausgeliefert ist. Hunger signalisiert, dass der Mensch nun abgeschnitten ist von der umfassend spendenden Großen Mutter, und aktiv werden und das Leben und seine Nahrung annehmen muss. Der Archetyp der Großen Mutter tritt in zwei Aspekte auseinander, den der guten nährenden und den der bösen Mutter des Hungers und Schmerzes. Ist die Große Mutter für den Einzelnen gut genug, so stellt sie dem Säugling die - gleichzeitig wärmende und bergende - Mutterbrust zur Verfügung. Diese früheste aktive Nahrungsaufnahme ist mehr oder weniger gekoppelt mit der Erfahrung von Wärme, Zugewandtheit, Ruhe, Schutz und Sicherheit, dem "Glanz im Auge der Mutter” und von angenehmer Lust im gesamten Mundraum.

Hunger und Sättigung bleiben, auch ohne dass das Hungergefühl traumatisch aufgeladen ist, oft lebenslang verknüpft mit der Erfahrung Lust und Sinnlichkeit, von Beziehung und Liebe (Liebe geht durch den Magen), von Rivalität und Neid (Futterneid, der dem anderen nicht die Wurst auf dem Brot gönnt) sowie mit der Erfahrung von Macht und Abhängigkeit (solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, tust du, was ich dir sage; wes Brot ich ess, des Lied ich sing). Dem Hungernden zu essen zu geben ist nicht nur ein Gebot christlicher Nächstenliebe, sondern allgemein sittliche Aufgabe. Geben, Nehmen und Teilen als soziale und individuelle Leistung und Tugend hat in der Erfahrung des Hungers und Gesättigtwerdens einen Anfang und in dem Wissen darum, dass Hungern den Menschen in ein reißendes Tier verwandeln kann - Hunger haben wie ein Wolf oder ein Löwe.

Wenn die frühen Beziehungserfahrungen des Kindes nur mangelhaft ausgeprägt sind, dann nährt auch die Milch nur mangelhaft, dann überwiegt die böse Mutter des Hungers und des Todes insgesamt die gute Lebensmutter. Es beginnt ein Leben im Zeichen des psychischen Hungers, der Entbehrung und Not. Häufig reagieren Säuglinge, wenn etwas in der frühen Beziehung und der primären Mütterlichkeit nicht stimmt, wenn sie nach etwas hungern, was nicht zur Verfügung steht, mit Ess- und Verdauungsstörungen und mit Spucken. E. Neumann beschreibt die Auswirkungen dieser frühen Störung, er nennt sie die gestörten Urbeziehung, die prä-, peri- und postnatal beginnen kann, als Störung vier fundamentaler Erfahrungen: der Beziehung zum Du, zum Körper, zu sich selbst (im Sinne der Störung zum Selbst) und zur Welt. Die Erfahrung des materiell, geistig und emotional Genährtwerdens und der materiellen, emotionalen und geistigen Nahrungsaufnahme hat eine tiefgreifende strukturierende Bedeutung für das weitere Leben, weil sie die Existenz des Menschen von Anfang an begleitet. Alle anderen Entwicklungen basieren auf ihr, und wenn sie tiefgreifend gestört ist, wenn die frühe Erfahrung eine Erfahrung des Hungers ist, kann sich nur ein Not-Ich entwickeln. Emotional und spirituell hungert ein so gestörter Mensch nach Liebe, Nähe, Wärme, Anerkennung, Erfolg, Bestätigung, nach Akzeptanz und nach der Erfahrung von Sinnlichkeit und Sinnenhaftigkeit. Früh zu viel Hunger aushalten zu müssen, kann dazu führen, dass ein Kind apathisch gegenüber seiner Umwelt wird, dass es aufgrund dauernder Deprivation nicht mehr nach ihr greift, dass es keinen Hunger nach Leben und nach Erkenntnis entwickeln kann. In der frühen Entwicklungsphase zu viel Nahrung zu bekommen, keinen Hunger spüren zu können, überfüttert zu werden - es überwiegt dann die böse Mutter im verwöhnenden, festhaltend-gefangensetzenden Aspekt - kann ebenfalls schwerwiegende Folgen haben, die vor allem in fehlender Aktivität und Autonomie, fehlender Frustrationstoleranz und starker Regressionstendenz liegen.

Störungen in der Urbeziehung, narzisstische, emotionale, in Beziehungen und religiös-spirituell erfahrene Defizite tragen dazu bei, dass Menschen in der Verzweiflung von Depression, Einsamkeit und Sinnlosigkeit auf orale Ersatz-Befriedigung zurückgreifen, in Schlaraffenlandfantasien und Paradiessehnsüchten gefangen bleiben und versuchen, sich die gute, große Mutter einzuverleiben. Übermäßiges Daumenlutschen und Nägelbeißen können Hinweise auf frühe Hungererfahrungen sein. Depression und Suchtformen sind oft Versuch, die Defizite des frühen Hungers auszugleichen und zeigen zugleich, dass die basale Nahrung für die gesunde Eigenaktivität nicht ausreichend zur Verfügung steht. Der Mangel und Hunger kann sich darin spiegeln, dass Menschen die ungeeignete, "giftige” Nahrung der bösen Mutter konsumieren, verschlingen und ausspucken oder daran ersticken. Ein solch basales Hungergefühl kann sich u. a. in der Fantasie von Essgestörten ausdrücken, dass man in unfruchtbaren, kalten oder heißen, unwirtlichen Wüsten und anderen extremen Orten, vielleicht am Ende der Welt mühsam überleben muss. Die vielen Essstörungen, sowohl als Fress- wie auch als Magersucht und Bulimie in den reichen westlichen Industrienationen zeigen, dass Nahrungsmittel alleine nicht sättigend sind und dass bei den Betroffenen trotz des materiellen Überflusses nicht überwiegend eine gute, sondern überwiegend eine negative Mutter konstelliert ist.

Hunger ist eine manchmal selbstverschuldete, manchmal schicksalhaft erscheinende Geißel der Menschheit: Schmerz, Not, Entbehrung, Tod, bitterste Armut und Ungerechtigkeit, Ausdruck von unwirtlichen Naturverhältnissen und -katastrophen wie Dürre, Trockenheit, Kälte, Regen, Insektenplagen, Ausdruck auch und von durch Menschen verursachten Katastrophen wie Krieg, Revolution, Misswirtschaft, falschen Umgang mit Ressourcen. In Märchen sind Hungerjahre, Hungerszeit oder Hungersnot oft Ausgangssituation für Entwicklung. In Hänsel und Gretel zeigt sich am Anfang der Mangel an zugewandter Mutterliebe darin, dass die Stiefmutter nicht genügend zu essen gibt und damit Hänsel und Gretel der mit Verwöhnung lockenden Hexenmutter in die Arme treibt. Im magisch-mythischen Bewusstsein wird Hunger als Strafe oder Abwesenheit von Gott bzw. Göttern, als Folge menschlicher Überhebung über die Natur oder Vernachlässigung grundlegender archetypischer Aufgaben erlebt: Im Demeter-Mythos wird die Welt unfruchtbar, weil die Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttin Demeter trauernd ihre Tochter sucht. Im Tantalos-Mythos ist ewiger Hunger die Strafe für den sich nicht nur über den Willen der Götter sondern auch über die ethischen Grundregeln des Menschseins erhebenden Tantalos. In der Bibel wird die Strafe für Erkenntnishunger die Vertreibung aus dem Paradies, Prometheus wird aus dem selben Grund bestraft. Die Heuschreckenplage - d. h. Zerstörung der Ernte und damit Hunger - ist biblische Strafe gegen die Ägypter, die Androhung der Heuschreckenplage als Reaktion auf Ungehorsam und als apokalyptische Plage sind ebenfalls ein biblisches Motiv. Nahrung zu verschwenden ist ein Sakrileg und das Verprassen von Nahrung durch die Reichen, während die Armen hungern, ist ein ebenso zeitübergreifendes wie moralisch sündhaftes Tun. Die Speisung von Hungrigen und das Verteilen von Almosen durch die Reichen ist meist eine Art Tribut und Opfer, um die zu fürchtenden negativen politischen Konsequenzen von entsprechenden Ungerechtigkeiten abzuwenden und das Gewissen zu beruhigen. Das kultische Opfern von Nahrungsmitteln ist in Zeiten des Hungers eine schwer wiegende Gabe, um eine zürnende und strafende Gottheit zu besänftigen und umzustimmen.

Wo Hunger herrscht oder droht, ist das Leben von der Herrschaft des negativen Mutterarchetyps geprägt, wird der Mensch daran erinnert, dass er Teil einer größeren Natur ist, die sich nicht an seinen individuellen Bedürfnissen orientiert. Gleichzeitig ist der Mensch der dunklen Seite Gottes bzw. dem negativen, dem strafenden und rächenden Vater und dem negativen Helden ausgeliefert, der versucht, seinen Willen und seine Prinzipien durchzusetzen, indem er Hunger als Machtmittel einsetzt. Aushungern ist eine beliebte und erfolgreiche Kriegstaktik, modern spricht man von Blockade oder Embargo und verzichtet dabei darauf, den Zugang zur Nahrung direkt zu blockieren. Emotionales Aushungern lassen, z. B. als Liebesentzug ist in Beziehungen ein machtvolles und demütigendes Instrument, sich den anderen gefügig zu machen. Mit "Brot und Spielen ” haben sich kluge römische Konsuln und Kaiser politische Mehrheiten und Zustimmung im Volk erkauft. Hunger, das wissen alle diktatorischen politischen Systeme, kann den Umsturz bedeuten. Deswegen wird in solchen Systemen die Versorgung mit Nahrung neben der Produktion von Waffen in den Mittelpunkt des wirtschaftlichen Interesses gerückt. Ein italienisches Sprichwort weiß: Der hungrige Hund achtet des Stockes nicht und ein englisches: Hungriger Mann, zorniger Mann. Nahrungsverschwendung, übertriebene Verfeinerung und übermäßige Gelage sind ein Zeichen von Dekadenz und stehen oft am Ende einer Epoche. Die in Frankreich 1793 von den Revolutionären hingerichtete Königin Marie Antoinette soll angeblich vor der Revolution zum Brotmangel der Pariser Bevölkerung geäußert haben: Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen. Die französische Revolution wird später von der hungernden Pariser Bevölkerung getragen.

Wenn jemand arbeitet und dafür nicht ausreichend entlohnt wird, so bekommt er einen Hungerlohn, von dem er sich nicht adäquat ernähren kann. Hungerlöhne haben im 19. Jh. zu Aufständen und Streiks geführt. Über Hungersnöte wird seit Beginn der Geschichtsschreibung berichtet und immer wieder sind sie zum Motiv für Völkerwanderungen geworden. Im 19. Jh. sind schwere Hungersnöte der Grund für Millionen von Iren, Deutschen und Osteuropäern gewesen, nach Amerika zu gehen. Im 20. Jh. treibt Hunger die Bevölkerung der Entwicklungsländer aus ihrer Heimat in die Industriestaaten.

Hungerstreik kann umgekehrt ebenso wirkungsvoll sein: Mahatma Ghandi ist eine Symbolfigur für dieses Vorgehen geworden. Die Terroristen der RAF haben in der Bundesrepublik der 70er Jahre Regierung und Justiz unter Druck zu setzen. Auch der Suppenkasper aus dem Struwelpeter zeigt die Geschichte eines Machtkampfes und beleuchtet zugleich die Not des Nahrungsverweigerers: Es gelingt den Eltern nicht, so viel archetypische Mütterlichkeit zu aktivieren, dass Kasper zur Aufgabe seiner verzweifelten Streikposition bereit wird. Drastisch formuliert muss er "fressen oder sterben”. Nahrungsverweigerung bei Kindern und Jugendlichen und Magersucht hat häufig - mit anderen psychodynamischen Abläufen - auch einen Hintergrund in dieser Konfliktkonstellation. Fasten - ob mit oder ohne religiösen Hintergrund - kann einen vergleichbaren Aspekt zeigen, wenn es Ausdruck dessen ist, dass die angebotene Nahrung nicht die richtige und ersehnte rettende Nahrung ist. Manchmal bedeutet zu fasten auch, ganz bewusst und sorgsam mit den göttlichen Gaben der Mutter Natur umzugehen. Stärker betont ist im Fasten meist der Versuch, eine gewisse Autonomie über die Triebhaftigkeit des Körpers und die daraus resultierende Bindung an das verführerische Teuflisch-Materielle zu gewinnen. Der Fakir, ein umherziehender Asket in islamischen und hinduistischen Traditionen, trachtet durch asketische Übungen seine Bindung an die sinnliche und körperliche Welt aufzulösen und dadurch Freiheit zu gewinnen.

Am Hungertuch nagen ist ein aus der kirchlichen Fastentradition stammender Ausdruck: Das Fasten - oder Hungertuch ist ein Tuch, das als Sinnbild der Trauer und Buße früher in Kirchen aufgehängt worden ist. Von der Lebenssituation von Schaustellern und Komödianten im Mittelalter, die oft nur ein karges Auskommen hatten, ist der Begriff des Hungerkünstlers für jemanden, der bereit ist, für seine Lebensform auf sofortige Befriedigung seines Hungertriebes zu verzichten. Zu den Pubertätsriten gehört auch die Erfahrung des Fastens und Hungerns, wodurch eine Ablösung vom Mutter- und Biosfaktor möglich wird: Das Leben kann auch ausgehalten werden, wenn die schenkende Mutter für eine gewisse Zeit nicht zur Verfügung steht.

Literatur: Standard

Autor: Müller, Anette