Nahrung

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Keyword: Nahrung

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Definition: Das mittelhochdeutsche nara, das in Nahrung steckt, bedeutet nicht nur Nahrung und Unterhalt, sondern auch Rettung und Heil und trifft damit den existentiellen Kern des Begriffs in all seinen materiellen und immateriellen Aspekten. Biologisch-materiell bezeichnet Nahrung alle natürlich wachsenden, veränderten und künstlich produzierten Stoffe, die dem Körper die zum Leben notwendige Energie und Nährstoffe zuführen, damit der Stoffwechsel, das Wachstum, die Körpertemperatur und allen anderen Tätigkeiten des Organismus aufrecht erhalten werden.

Information: Das Nahrungsbedürfnis und die Nahrungssuche ist nicht nur für die menschliche Spezies in soziale Beziehung und Abhängigkeit eingebettet und ebenso Gemeinschaft stifend wie Konflikt erzeugend. Typisch für den Menschen allein ist die Kulturierung der Nahrung sowohl durch Anbau, Zucht, Konservierung und Zubereitung von Nahrungsmitteln (Backen, Kochen) - was eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber aktuellen Naturunbillen bedeutet und auch eine bessere Nutzung von ansonsten für den Körper nur schwer aufschließbare Nahrung. Damit wird Energie freigesetzt für geistige und künstlerische, schöpferische Arbeit. Nahrungsmittel sind Lebensmittel, Nahrung ist Leben und ermöglicht zugleich mehr als biologisches Leben. Das Nahrungsbedürfnis erinnert den Menschen ständig an seine körperlich-biologische, existenzielle Grundlage: Materiell und ernährungstechnisch handelt es sich darum, die zum Leben benötigten Eiweiße, Fette, Kohlenhydrate, Vitamine, Mineralien, Ballaststoffe zu sich zu nehmen, um zu leben und Energie zu haben. Aber die Erkenntnis, dass der Mensch nicht von Brot, d. h. Lebensmitteln, alleine lebt (5. Buch Mose, Matthäusevangelium) ist ebenso in Religionen und geistigen Traditionen verbreitet wie in den modernen Wissenschaften vom Menschen.

Interpretation: Instinktives Nähren umfasst das Säugen der Kinder ebenso wie sich ihnen im weitesten Sinne geistig und emotional zuwenden. In den 50er Jahren des 20. Jh. hat R. Spitz nachgewiesen, was u. a. schon Friedrich II. im 13. Jh. n. Chr. in einem damaligen “wissenschaftlichen” Versuch nachgewiesen hatte: Ernährung ohne menschliche Wärme, Nähe, Gehaltensein, affektive Zuwendung über Körperkontakt, Blick und Sprache reicht nicht aus, um einen Säugling psychisch gesund und am Leben zu erhalten. Die Bindungs- und Säuglingsforschung und alle tiefenpsychologischen Schulen haben diese Erkenntnisse bestätigt, differenziert und vertieft. Das emotionale und geistige Klima, in dem Nahrung aufgenommen wird, in welch spendender Fülle oder in welcher Not materielle und immaterielle Nahrung bereit steht oder fehlt, prägt die Psyche eines jeden Menschen, seine narzisstische, intellektuelle und emotionale Entwicklung, sein Urvertrauen, seine Sinnlichkeit, alle Erfahrungen mit seiner Umwelt und seinen Kontakt und Zugang zu ihr. Deswegen hungern Menschen beispielsweise nach Liebe, Nähe, Berührung, Beziehung, Bewunderung, Anerkennung oder Erfolg.

Nahrung, nähren und genährt werden ist ein zentraler Bestandteil des Mutterarchetyps und des Bios-Prinzips und Eros-Prinzips, der existentiell mit der gebärenden, der Leben gebenden und Leben nehmenden Mutter verbunden ist. Die Große Mutter als Gute Mutter gibt und nährt das Leben und das Lebendige, gibt materielle, emotionale, sinnlich-erotische, intellektuelle und spirituelle Nahrung. Jedes Leben trägt in sich die Urerfahrung der mehr oder weniger ihn nährenden, wärmenden, schützenden und haltenden Mutterfigur, Welt, Erde, Natur und Gottheit. Alle mit Kindern abgebildete und die mit Früchten und Getreiden verbundenen Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttinnen variieren dieses Motiv. Das mütterliche Prinzip ist anfänglich das Große, von dem eine völlige Abhängigkeit besteht, es ist das ganz selbstverständlich Nährende, Wärmende, Schützende, Haltende, dem das entstehende Leben und der Säugling mit allen Bedürfnissen ausgeliefert ist. In der psychischen Entwicklung gestalten sich daraus auch die Bilder und Symbole der erotischen und spirituellen Animageliebten. Fruchtbarkeits- und Muttergöttinnen sind beispielsweise auch die Aphrodite und Maria. In den sich patriarchal organisierenden Kulturen übernehmen auch männliche Götter und die Väter diese Funktion. Der Vater wird zum “Ernährer” der Familie, der das Brot verdient, das die Mutter bereitet. Der jüdische Vatergott gibt das Manna in der Wüste. Darüber hinaus gibt das Väterlich-Männliche, das Logos- und der Heros-Prinzip Nahrung für die intellektuellen Aspekte, für den Hunger nach Erkenntnis und den Durst nach Wissen und Tat.

Als böse Mutter und Hexe gibt die Große Mutter vergiftete Nahrung, verdorbene oder sonst nicht nährende und sättigende Nahrung, lässt Entwicklung stocken und sterben, weckt einseitige Begehren und verführt in die Gefangenschaft, nimmt das Leben in sich zurück, frisst es wieder auf. Die nährende Mutter kann zur Hexenmutter und zur negativen Animagestalt werden und für die individuelle Entwicklung destruktive Impulse geben. Wenn sie verwöhnt statt zu nähren, führt sie in Gefangenschaft, Sucht, Übermaß und Chaos. Der Böse Vater und Zauberer führt mit vergifteter geistiger Nahrung z. B. in geistige Prinzipien, die gefangen halten, in Hybris und in ein destruktives Heldentum.

Die früheste Ernährung des Einzelnen geschieht in der Natur im Zeichen der Passivität des Genährtwerdens, beim Menschen über den Mutterkuchen im Mutterleib. Das Schlaraffenland, in dem sich die Nahrungsmittel anbieten, das Paradies, in dem alles vorhanden ist, hat vermutlich neben der archetypischen Erfahrung von der nährenden Natur und den nährenden Muttergestalten hier auch einen ganz individuell erfahrenen und prägenden Ursprung. Die üppig schenkende Große Mutter, das mütterliche Fülle für alle Lebensbedürfnisse, selbstverständlich und nur schenkend zur Verfügung zu haben, ist eine Ursehnsucht nach dem Paradies und nach dem Selbst. Da, wo die Große Mutter aber in der Symbiose und der Verwöhnung hält, da bleibt das Individuum im Bios-Prinzip, in Passivität und Abhängigkeit. In M. Endes Unendlicher Geschichte steht am Anfang des Heilungsprozesses des Heldenkindes Bastian die nahrungsspendende Gute Mutter in Form der Dame Aioula. Nachdem der Held sich lange genug bei ihr aufgehalten hat, wachsen in ihm Impulse nach neuen Erfahrungen, die Nahrung der Dame Aioula ist also die richtige Nahrung gewesen, um Entwicklung vorzubereiten, Aioula ist damit eine wirklich gute Mütterlichkeit des Selbst.

Nach der Geburt beginnt in jedem individuellen Leben die Umstellung vom passiven, sozusagen vegetativen genährt werden auf das aktive sich ernähren, Nahrung zu sich zu nehmen, zu essen. Die Große Mutter - Herrin der Pflanzen und allen vegetativen und reagierenden Lebens, in dem Bewusstsein, Eigenaktivität und Aktion vorherrschen - wird allmählich zur Herrin der Tiere, d. h. Eigenbewegung, Trieb und Sinnesbewusstsein beginnen sich zu entfalten. Allmählich verändert sich der primäre Elementarcharakter des Mütterlichen, das Nähren und Bergen, Nahrung geben, schützen, wärmen, festhalten, der Wandlungscharakter wird deutlicher. (Neumann, Große Mutter, S. 45) Im weiteren Verlauf der psychischen Entwicklung und Reifung bedarf es der Aktivität, der Mitarbeit und zuletzt der Gegenleistung gegenüber der Großen Mutter, um Nahrung zu bekommen und zu essen (Essen). Schon dem Kleinkind wird klar, dass es Forderungen erfüllen muss, dass es auch dem Großen Vater entsprechen muss, dass es geben und nehmen muss, wenn es weiterhin Nahrung, wenn es Erfolg, Anerkennung und Liebe haben will. Im Märchen von Frau Holle gibt es nur für die Goldmarie, die erkennt, was zu tun ist, jeden Tag Gesottenes und Gebratenes. Eine ausreichend spendende Natur und eine funktionierende soziale Gruppe, ausreichendes Urvertrauen und Bindungserleben sind ebenso basal für das Essen wie zielstrebiges autonomes Verhalten, Fähigkeit zur selbständigen Handlung und zur Arbeit. In der biblischen Symbolik ist das in der Vertreibung aus dem Paradies ausgestaltet, die dazu führt, dass die Menschen ab jenem Zeitpunkt ihr Brot nur noch im Schweiße ihres Angesichts essen können. Der Apostel Paulus bestätigt das im 2. Thessalonicherbrief: Wer nicht arbeitet oder unnütze Dinge treibt, der soll auch nicht andere beschweren, indem er ihr Brot isst. Kurz und sprichwörtlich geworden: “Wenn jemand nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen. ” (2. Thess, 30, 10ff) Zur Arbeit kommt die notwendige Gnade des spendenden Gottes: “Du lässt Gras wachsen für das Vieh, auch Pflanzen für den Menschen, die er anbaut” (Ps 104, 14). Jesus weist in der Bergpredigt auf die Gnade des bedingungslos Ernährtwerdens hin, die allerdings an eine richtige Einstellung zum irdischen und zu Gott gekoppelt ist und warnt vor falschen irdischen Sorgen, vor all zu starker Verhaftung an die irdischen Bedürfnisse und davor, alle Lebensenergien in diese Dinge zu stecken u. a. mit den Worten: “Sehet die Vögel des Himmels an! Sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. ” (Mt. 6, 26) Und weiter: “Darum sollt ihr euch nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen oder was werden wir trinken oder womit werden wir uns kleiden? [...] Euer himmlischer Vater weiß ja, dass ihr all dieser Dinge bedürft. Suchet vielmehr zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit! Dann werden euch alle diese Dinge hinzugefügt werden. ” (Mt. 6, 31f) Rilke formuliert: “Selbst wenn sich der Bauer sorgt und handelt, wo die Saat im Sommer sich verwandelt, reicht er niemals hin. Die Erde schenkt. ” (Rilke, Die Sonette an Orpheus. Erster Teil, XII.)

Viele Nahrungsmitteln haben schon solange es Zeichen menschlicher Kultur gibt, kultische, religiöse und magische Bedeutung gehabt, einige sind für bestimmt rituelle Zwecke oder für bestimmte Gruppen von Menschen vorbehalten gewesen oder zusätzlich für diese besonders bereitet oder geweiht worden. Neben den geweihten Nahrungsmitteln (Brot, Wein) gehören u. a. Aphrodisiaka, Heilkräuter und Rauschmittel (Alkohol, Zaubertränke) in diesen Zusammenhang. Etwas als Nahrungsmittel zu sich nehmen bedeutet auch, die Energie und Kraft oder den Geist von etwas zu sich zu nehmen, sich einzuverleiben oder daran teilzuhaben. In verschiedenen Religionen, Kulten, Weltanschauungen und Ideologien gibt es deswegen Speisege- und Verbote, Vorschriften darüber, was reine und unreine Speisen sind - Schweinefleisch im Islam und Judentum, das Fleisch von Rindern und Affen im Hinduismus. Im Buddhismus und manchen hinduistischen Gemeinschaften wird eine rein vegetarische Kost vorgeschrieben.

Nahrungsmittel sind Lebensmittel, Nahrung ist Leben und ermöglicht zugleich mehr als biologisches Leben. Die Fähigkeit der menschlichen Psyche zur Symbolisierung führt dazu, dass alle individuell-subjektiv und kollektiv existenziellen menschlichen Themen mit der Nahrung, dem Geheimnis und Wunder der Verwandlung von organischer Materie in psychisch-geistige Energie symbolisch verknüpft werden können. Nahrungsthemen und -konflikte können umgekehrt auch unterschiedlichste existenzielle Themen berühren und zum Klingen bringen. Jede Frucht der Natur und jedes Nahrungsmittel kann in Religion, Literatur, Bildern, Fantasien. Sprichwörtern, Redensarten und Träumen und in der volkstümlichen Kunst, in Magie und Aberglauben zum Symbol für jeden Aspekt der Nahrung in allen möglichen individuell-subjektiven und archetypisch-kollektiven Erfahrungszusammenhängen und Bedeutungen stehen. Das gleiche gilt für die Figuren, die Nahrung erzeugen und bereiten (Bauer, Bäcker, Müller), für den Acker und alle Natursymbolik. Im kollektiven Zusammenhang sind solche Symbolisierungen jedem vertraut: Eine Arbeit z. B. ist kein Honigschlecken. Abgestandenes Bier und kalter Kaffee verweisen darauf, dass etwas nicht mehr aktuell, schal, geschmacklos ist. Den Apfel pflücken und essen ist über die Geschichte vom Sündenfall mit weiblich-schlangenhafter Verführungskraft, Sexualität, Bewusstseinsentwicklung und Vertreibung aus dem Paradies verbunden. Auch Gerüchte oder Gewalt bekommen Nahrung, und wenn jemand Schlangen an seiner Brust nährt, ist er ein hinterhältiger Mensch. Fressen und gefressen werden veranschaulicht kurz und drastisch den sozialdarwinistischen Daseinskampf. Auch der soziale Aspekt des Lebensunterhaltes, der Sorge für ausreichend Nahrung in kleineren und größeren Gemeinschaften, der Rivalität und des Kampfes um die Nahrung innerhalb gesellschaftlicher Gruppen oder Systeme, unter dem Aspektes des Futterneids etwa, spiegelt sich in Nahrungssymbolik: ein Handwerk kann seinen Mann nähren, man verdient sich sein täglich Brot, man nimmt dem anderen die Wurst vom Brot oder spuckt ihm in die Suppe. Nahrung anbieten und teilen und gemeinsam essen, steht dagegen für die zivilisierte und soziale Komponente und Fähigkeit: man teilt sein letztes Stück Brot, man bekräftigt und würdigt einen Bund, z. B. eine Ehe oder einen Staatsvertrag mit einem Festessen. Nahrungsmittel und bestimmte Speisen werden Statussymbol, materielle Zufriedenheit und Wohlstand drücken sich darin aus, dass man Kaviar verzehren kann. Weltanschauung, Ideologie, Religion, ethische Standpunkte lassen sich über Nahrung transportieren, Vegetarier oder Veganer sein.

Kompensatorische Sehnsucht in Mangelsituationen spiegelt sich im Bild von dem Land, in dem Milch und Honig fließen oder in dem einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Im individuellen Zusammenhang kann durch Symbolarbeit das Motiv eines Traumes, einer Fantasie, eines Zwanges, eine bestimmte Speise zu essen oder nicht zu essen so umkreist werden, dass damit die Arbeit an einem zentralen psychischen Komplex weitergeführt werden kann. Es kann z. B. beim Über-Ich-Konflikt eines puritanisch eingestellten Menschen darum gehen, sich eine bestimmte Speise und damit die Sinnenlust endlich zuzugestehen und zu genießen. Ein passiv-abhängig strukturierter Mensch kann herausfinden, dass man materielle und immaterielle Nahrung nicht nur schlucken muss und dass man sie auch selber suchen und bereiten kann.

Sorgen für die Nahrung, Umgang mit der Nahrung, Erzeugen und Bereiten der Nahrungsmittel und Genießen der Nahrung bleiben zeitlebens ein Thema und spiegelt die Beziehung des Einzelnen, der Familien, sozialer Gruppen und Gesellschaften zur Großen Mutter, zum Weiblichen und zum Bios-Prinzip. An der Verteilung der Nahrung in der Welt, in einer Gesellschaft oder kleinen Gruppe können bis heute politische, soziale und wirtschaftliche und individuelle Machtverhältnisse abgelesen werden. An der Art der Erzeugung von Nahrungsmitteln kann etwas über die Gesundheit der Beziehung des Einzelnen und der Gesellschaften zur Natur, zum Körper und zu den emotionalen und geistigen Bedürfnissen ausgesagt werden und über den Respekt gegenüber dem Bios- und dem Eros-Prinzip und dem Leben und dessen Erhaltung und Genuss überhaupt. Die Zubereitung und das Aufnehmen von Nahrung zeigt, wie der Einzelne, eine Gruppe oder Gemeinschaft mit dem Ernähren in all seinen materiellen und emotionalen Facetten umgeht, wie weit er daraus immer wieder ein Nahrung gebendes Mysterium für Körper, Sinne und Seele werden lassen kann. Was es bedeutet, seit dem Säuglingsalter durch industriell gefertigte Nahrung ernährt zu werden, hat vor diesem Hintergrund materielle und immaterielle Implikationen, die sicher in die Auswertung von Statistiken zur Entwicklung des Übergewichtes in den Industrienationen mit interpretiert werden müssen wie auch bzgl. der Entwicklung von Ernährungsstörungen beim Einzelnen.

Literatur: Standard

Autor: Müller, Anette